Die Geschichte der Reddelicher Molkerei

Von Reinhold Griese (Recherche), Sven Morwinsky (Archivmaterial), Ulf Lübs (Text, Layout).

Die Gründung der Molkerei Reddelich ging 1887 von den Domänenpächtern Ahrens vom Hof Steffenshagen, Dierks vom Hof Brodhagen und Dr. Wirts vom Hof Brusow aus, die damit einen großen, wirtschaftlichen Schritt zur Vermarktung ihrer Milch machten. Sie bauten in Reddelich eine moderne Molkerei.

1887: Benachbarte Domänenpächter gründeten eine Milcherzeugergemeinschaft und bauten die Molkerei in Reddelich

1889 (10. Oktober): Die Erzeugergemeinschaft wurde in die Rechtsform einer eingetragenen Genossenschaft mit unbeschränkter Haftpflicht überführt.

1906 investierte die Molkereigenossenschaft in den Bau eines Eiskellers zur Aufbewahrung von Milch und Butter.

1916, nach mehrjährigem Probebetrieb, nahm die Molkerei eine Käseproduktion auf.

1930 trat die Molkereigenossenschaft den am 13. Februar 1930 in Berlin gegründeten Reichsverband der deutschen landwirtschaftlichen Genossenschaften – Raiffeisen e. V. bei.

1955 wurde die Milchverarbeitung eingestellt. Das Molkereigebäude wurde anschließend als Technikstützpunkt für LPGen genutzt

1990: Die Molkerei wurde an die Rostocker Straßenbaufirma Clement verpachtet.

Um 2000 kaufte der Steffenshäger Herbert Malchow die Immobilie, sanierte das Molkereigebäude und baute dort Mietwohnungen ein.


Der Bauplatz wurde in einer Größe von 2581 m² von der Hufe II abgetreten. Ausschlaggebend für die Wahl Reddelichs als Molkereistandort war sicher die zentrale Lage im Einzugsgebiet. So hatten alle Domänen in etwa den gleichen Anfahrtsweg für die täglich zu liefernde Milch. Im Gegensatz zu heute, wo die Rohmilch durchaus 100 km oder mehr durch die Gegend gefahren wird, spielte die Transportentfernung damals eine große Rolle. Die Milch wurde mit Pferdefuhrwerken in Milchkannen transportiert und das ungekühlt, also Euterwarm. Da zählte jede Stunde bis zur Verarbeitung. Ältere Mitbürger werden noch wissen, wie schnell Rohmilch im Sommer zu dicker Milch wurde.

Am 10. Oktober 1889 wurde die Erzeugergemeinschaft in die Rechtsform einer eingetragenen Genossenschaft mit unbeschränkter Haftpflicht überführt. Basis dafür war das Deutsche Genossenschaftsgesetz vom 1. Mai 1889, das am 10. Oktober 1889 im gesamten Deutschen Reich in Kraft trat und im wesentlichen noch heute Bestand hat. Auch wenn Genossenschaften heute etwas in Misskredit geraten sind, sie bieten kommerziellen Interessengemeinschaften eine gute Plattform zur Kräftebündelung bei Lastenverteilung mit Risikominimierung durch Haftungsbeschränkung.

Nach und nach erkannten viele Bauern aus Reddelich und Umgebung die Vorteile zentraler Milchverarbeitung und wurden Mitglieder der Reddelicher Molkereigenossenschaft. Diese konnte die die Zahl ihrer Genossen permanent erhöhen. Dabei reichte das Spektrum der Genossen von damaligen Großbetrieben wie der Hof (Domäne) Brusow mit über 60 Milchkühen bis zu Häuslern mit einer Milchkuh.

Die Genossen hatten sich strikten Regeln zu unterwerfen, die allerdings nicht als Schikane zu werten sind, sondern für einen effizienten Geschäftsbetrieb unerlässlich und damit im Interesse aller Genossen waren. So unterwarfen sie sich einem Lieferzwang und durften keine Milch, außerhalb des Eigenbedarfs, zurückhalten. Geliefert wurde täglich jeweils unmittelbar nach dem Melken. Gemolken wurden die Kühe, wie heute meist auch noch, zweimal am Tag. Für die zeitnahe Anlieferung hatte der Bauer zu sorgen. Für die großen Höfe war die Milchanlieferung kein Problem, sie hatten in der Regel fest angestellte Fuhrleute, die für alle anfallenden Transporte zuständig waren. Bei den kleinen Lieferanten war es, bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein üblich, Liefergemeinschaften zu bilden. Dabei stellten die Bauern ihre Milch in gekennzeichneten Kannen mit 20 Litern Fassungsvermögen auf Milchböcke, die bei jedem Milchkuhhalter an der Straße standen. Dort tauschten Milchfahrer die Kannen, nach einem festen Tourenplan aus – bei Wind und Wetter. Auch wenn heute keine Milchböcke mehr als solche genutzt werden, lebt der Begriff im allgemeinen Sprachgebrauch weiter. Zug- oder Busreisende äußern ihren Unmut über viele Zwischenstops noch heute oft mit: »Muss der aber auch an jedem Milchbock halten?«

Die Molkerei war nicht nur Betriebsstätte sondern auch Wohnstätte für Angestellte. Zur Volkszählung 1900 wohnten dort der Verwalter Friedrich Bastian (geb. 1867) mit seiner Ehefrau Dorothea (geb. 1870), den Töchtern Klara (geb. 1896) und Henni (1897), der Gehilfe Adolf Reincke (geb. 1873), der Lehrling Otto Prüter (geb. 1884) und das Dienstmädchen Marie Schröder (geb. 1885).

Die bislang älteste, bekannte Wirtschaftsbilanz der Molkerei stammt aus dem Jahr 1901 Aus ihr lassen sich einige interessante Details entnehmen, wie:

  • Es wurden fast 1,4 Millionen Liter Milch im Jahr verarbeitet.
  • Am 1. Juli 1900 hatte die Genossenschaft 55 Mitglieder (Genossen).
  • Vorstände waren die Herren A. Ehlers, C. Grebbin und H. Uplegger.
  • Den Aufsichtsrat bildeten die Herren H. Mohs, H. Pentzien und P. Barten.
  • Der Liter Rohmilch wurde mit 9,55 Pfennig verwertet.
  • Produziert und vermarktet wurden Butter (Hauptprodukt), Sahne, Schlagsahne, Buttermilch und Magermilch.

Wie die ökonomischen Kennzahlen zu bewerten sind, lässt sich nur im Vergleich mit anderen Molkereien sagen. Die stetige Zunahme der Genossenschaftsmitglieder lässt jedoch auf einen guten Ruf der Reddelicher Molkerei und eine lukrative Milchproduktion schließen. Immerhin leistete die Genossenschaft sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts gedruckte Ausfertigungen ihrer Jahresbilanz. Die vorliegende wurde in der Kröpeliner Druckerei Hermann Horn angefertigt.

Deckblatt der Molkereibilanz von 1901 [05]

Im Archiv von Sven Morwinsky liegt ein Statut der Molkerei von 1908. Dieses enthält u. a. folgende Festlegungen:

§ 1
Die zum Behufe der Förderung des Erwerbs und der Wirtschaft ihrer Mitglieder mittels gemeinschaftlichen Geschäftsbetriebes unter der Firma "Molkerei-Genossenschaft Reddelich, eingetragene Genossenschaft mit unbeschränkter Hafpflicht" errichtete Genossenschaft hat ihren Sitz in Reddelich.
§ 2
Der Gegenſtand des Unternehmens ist die Verwertung der von den Genossen eingelieferten Milch auf gemeinschaftliche Rechnung und Gefahr. Ankauf von Milch seitens der Genossenschaft ist ausgeschlossen.
§ 3
Die Mitgliedschaft können erwerben alle Personen die sich durch Verträge verpflichten können und ihren Wohnsitz innerhalb 20 km von Reddelich entfernt haben.
(…)
§ 14
Jedes Mitglied hat die Pflicht: (…) für die Verbindlichkeiten der Genossenschaft dieser, sowie unmittelbar den Gläubigern derselben nach Maßgabe des Genossenschafts-Gesetzes mit seinem ganzen Vermögen zu haften (unbeschränkte Hafpflicht).
§ 15
Die Organe der Genossenschaft sind: 1. der Vorſtand, 2. der Aufsichtsrat, 3. die Generalversammlung.
(…)

Geschäfts-Ordnung der Molkerei-Genossenschaft Reddelich

§ 1
Jeder Teilnehmer verpflichtet sich, alle frisch gemolkene Milch seiner Kühe täglich zweimal nach dem jedesmaligen Melken, welches täglich nur zweimal geschehen darf, gesund, unverfälscht und gut gesiebt, an den vom Vorstand bestimmten Stunden an die Molkerei zu liefern. …
§ 2
Der Transport geschieht in von der Molkerei zu liefernden, aber von den einzelnen Genossen zu bezahlenden Kannen á 20 Kilo, …
§ 3
Die Milchfahrer haben sich auf dem Grundstück der Molkerei und in den Räumen derselben, wie überhaupt bei der Ablieferung durchaus ruhig und anständig zu benehmen, …
[Anmerkung: Nachfolgend werden im Statut etliche etwaige Verfehlungen von Genossen und der Milchfahrer, die keine Molkereiangestellten waren, aufgeführt. Die Reglementierung, für die es sicher gute Gründe gab, ging bis zum Regime im Stall der Genossen. Statuarisch geregelt wurden auch die Sanktionen, die von Strafzahlungen bis zum Ausschluss aus der Genossenschaft reichten.]
(…)
§ 14
Jeder Genossenschafter iſt berechtigt, etwa von ihm bemerkte Mängel oder Unregelmäßigkeiten im Betriebe der Molkerei in das zu solchem Zwecke im Bureau der Genossenschaft ausliegende Moniturbuch einzutragen.
(…)

Deckblatt de Molkereistatuts von 1908

In der Bilanz von 1918 sind bereits 78 Genossen aufgeführt, die allerdings nur 1,1 Millionen Liter Milch mit einem durchschnittlichen Fettgehalt von 2,9 Prozent ablieferten. Der schlechte Fettgehalt (1901 waren es durchschnittlich 3,3 %) ist ein Indiz für ein mangelhaftes Fütterungsregime der Milchkühe. Hauptgrund dürfte der immense Aderlass an jungen, gesunden Männern gewesen sein, die der Kaiser lieber auf fernen Kriegsschauplätzen verheizte, statt mit ihnen eine gesunde Volkswirtschaft zu betreiben. Erinnert sei daran, dass alleine Reddelich 17 Männer im Ersten Weltkrieg an Kaiser, Volk und Vaterland verlor, wobei nicht festgehalten wurde, wie viele dieses Abenteuer arbeitsunfähig überlebt hatten. Das konnte ja für die Wirtschaft gar nicht gut ausgehen und stellt ein gutes Beispiel dar, wie verkorkste Weltpolitik auf eine kleine Gemeinde wie Reddelich durchschlägt. Zumindest die Erlöse konnten deutlich gesteigert werden, die Rohmilchverwertung brachte mit 21 Pfennig je Liter mehr als doppelt so viel ein, wie 1901.

1930 trat die Molkereigenossenschaft den am 13. Februar 1930 in Berlin gegründeten Reichsverband der deutschen landwirtschaftlichen Genossenschaften – Raiffeisen e. V. bei. Zu diesem Anlass wurde ein neues Statut beschlossen. Dieses wurde nicht mehr für Reddelich erarbeitet, sondern ein Verbandsvordruck handschriftlich für Reddelich angepasst:

Zwischen den Geschäftsjahren 1939/40 und 1940/41 nahm die Zahl der Milchlieferanten sprunghaft, von 93 auf 147, zu. Auffällig ist die große Zahl der Kleinstlieferanten mit einer Kuh. Diese mussten einer kriegsbedingten Anordnung zur Milchkuhhaltung folgten. Die Lieferanten der Reddelicher Molkerei stammten 1941 aus den Orten:

  • Reddelich (38)
  • Brodhagen (14)
  • Steffenshagen (56)
  • Glashagen (19)
  • Brusow (12)

Einzelheiten aus der Bilanz 1941 lassen sich der nachstehenden Tabelle entnehmen:

Nach Prof. Erich Dreyer wohnten 1945 in der Molkerei der Verwalter Friedrich Bastian mit den Kindern Hans-Peter, Wolfgang und Joachim sowie dem Angestellten Max Zander. Friedrich Bastian war zu diesem Zeitpunkt bereits 78 Jahre alt.

1955 wurde die Milchverarbeitung eingestellt. Das Molkereigelände und -gebäude wurde zu einem Technikstützpunkt umgebaut und von der MTS Jennewitz als Außenstützpunkt für die Region betrieben. Später übernahm die LPG den Stützpunkt.

1990, mit Auflösung der LPG IMMER BEREIT übernahm eine neu gegründete Immobiliengesellschaft der Agrar AG KÜHLUNG die ehemalige Molkerei und verpachtete das Grundstück bis 1997 an die Rostocker Straßenbaufirma Clement.

Um das Jahr 2000 kaufte der Steffenshäger Herbert Malchow die Immobilie, sanierte das Molkereigebäude und baute dort Mietwohnungen ein. Der Charakter des Hauses blieb bei den Umbauarbeiten weitestgehend bestehen. Im Volksmund heißt das Haus noch heute Molkerei, obwohl dort seit 60 Jahren Milch nur noch als Beigabe für Kaffee verarbeitet wird.


Artikel aktualisiert am 29.02.2020