Landwirtschaft in der Gemeinde zur DDR-Zeit

von Ulf Lübs

Die Landwirtschaft blieb auch nach dem 2. Weltkrieg der Haupterwerbszweig in der Gemeinde. In Reddelich blieben die Vorkriegsstrukturen in der Landwirtschaft weitgehend erhalten, weil es keine kriegsbedingten Enteignungen gab. Anders in Brodhagen: Dort wurde die Domäne komplett mit Kriegsflüchtlingen aufgesiedelt.

Die Inhaber der landwirtschaftlichen Betriebe in der Gemeinde von 1951 waren, geordnet nach damaliger Klassifizierung:

Reddelicher Großbauern:
Albrecht Brinkmann, Otto Kruth, Hans Barten, Willy Kruth, Otto Garbe, Wilhelm Uplegger, Hermann Baade und Albrecht Baade

Reddelicher Kleinbauern:
Wilhelm Rowoldt, Hans Reincke, Ilse Ziwanowic, Paul Uplegger, Ludwig Woest, Karoline Köpcke, Franz Lux, Albert Utesch, Wilhelm Vanheiden, Frieda Hameister, Anneliese Kruth, Robert Gutmann, Werner Jenß, Otto Westphal, Christine Petermann, Wilhelm Westendorf, Friedrich Peters sen. und Fritz Pieper

Brodhäger Kleinbauern:
Paul Reimer, Friedrich Dürre, Pentzien, Willi Meyer, Gerhard Zickert, Herbert Bull, Ewald Amon, Willi Rachow, Hans Zemke, Hermann Pieper, Bruno Tomaneck, Martin Wallat, Emil Lorenschat, Josef Gaedig, Albert Harms, Anna Steffen, Friedrich Laubert, Wilhelm Frahm, August Hanke, Robert Pluschkall, Friedrich Haseleu, August Hoppe, Willi Urban, Friedrich Holst, Konrad Dujat, Reinhold Wunderlich, Heinrich Harms, Hans Roggelin, Fritz Thielk, Willi Blum und Walter Dürre.

Die Rolle der MAS/MTS in den Dörfern

1948 wurde in Jennewitz der Stützpunkt für eine Maschinenausleihstation (MAS) in der Region eingerichtet. Diese wurden in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) gegründet. Grundlage war ein Befehl der Sowjetische Militäradministration in Deutschland (SMAD). Der Sinn lag in der Verwaltung und Nutzung der Technik, die durch die Enteignungen der Großgrundbesitzer und Kriegsverbrecher in Volkseigentum übergingen. Diese Technik zentral einzusetzen war im Grunde ein vernünftiger Gedanke. Die vielen Neubauern, aber auch etablierte Büdner konnten diese Technik zumeist weder bedienen, noch effizient einsetzen. Sie kamen aber über die MAS auf ihren kleinen Wirtschaften in den Genuss von Arbeitserleichterungen, die auch die damalige Technik den Bauern bereits bot.

Bei allen unvermeidlichen Streitigkeiten um den Einsatz der Technik, stehe ich mit meiner Überzeugung, dass die MAS einen deutlichen Fortschritt in der Landwirtschaft markierten, sicher nicht alleine da. Unvermeidlich waren Streitereien über Zeit und Ort des Einsatzes, weil der agrotechnisch günstigste Zeitpunkt bei allen Bauern der Region fast immer der Gleiche, die Kapazität aber begrenzt war. Einfach ausgedrückt bedeutet das, wenn bei allen Bauern im Bereich der MAS Jennewitz nach Berücksichtigung aller Einflussfaktoren der optimale Zeitpunkt zur Rübenaussaat um den 5. April lag, wollte – verständlicherweise – jeder die Bestelltechnik zu diesem Zeitpunkt auf seinem Acker sehen. Das war – gleichfalls verständlich – selbst auf dem späteren Höhepunkt der Technisierung in der Landwirtschaft nicht möglich. Da mussten sowohl die Bauern, als auch die Verantwortlichen in den MAS erst lernen, was Kompromisse sind. Fakt bleibt aber, die MAS waren Vorreiter einer Entwicklung, die es überhaupt erst ermöglichte, die immer stärkere, größere und hoch spezialisierte Landtechnik auch auf kleinen Flächen und Betrieben ökonomisch sinnvoll einsetzen zu können.

Für die Reddelicher und Brodhäger Neubauern und Büdner dürfte die räumliche Nähe zur MAS sicher kein Nachteil gewesen sein. In jedem Fall war diese ein bedeutender Arbeitgeber für anspruchsvolle Tätigkeiten rund um die Landtechnik. Schon damals kristallisierte sich heraus, dass Spezialisten, die eine immer komplizierter werdende Landtechnik fachgerecht bedienen und warten können, gewissermaßen die Elite der Landwirtschaft waren. Der Stolz der Traktoristen und Schlosser wird bei der Präsentation der Technik im untenstenden Bild deutlich.

Präsentation der Traktoren in der Jennewitzer MAS 1950

Die MAS Jennewitz war auch Ausbildungsbetrieb für Traktoristen und Landmaschinenschlosser. Lehrlinge, wie die Auszubildenden damals politisch völlig korrekt hießen, von auswärts, wurden im ehemaligen Gutshaus einquartiert. Dort waren, neben den Büros auch die Betriebsküche der MAS untergebracht. Der Saal des Gutshauses war multifunktionell. Schulungsraum, Kantine, Kino, Versammlungsraum und nicht zuletzt Festsaal sind einige seiner Funktionen unter MAS-Regie.

Ab Mitte der 1950er Jahre wurden die MAS in Maschinen-Traktoren-Station (MTS) umgewandelt. Dies wurde notwendig, weil die Maschinen immer größer und komplizierter wurden. Sie wurden nicht mehr einfach nur, und schon garnicht auf sporadische Anforderung, an Landwirtschaftsbetriebe verliehen, sondern in den Betrieben mit Kooperationsverträgen planmäßig eingesetzt. Durch diese Konzentration erreichten die MTS eine große Schlagkraft, von der die kleinen, örtlichen LPGen profitierten. Auch konnten Wartung und Reparatur der Technik professionell organisiert werden.

Durch Größe und Spezialisierung war die MTS Jennewitz in der Lage, Lehrlinge zu hoch qualifizierten Traktoristen und Schlossern auszubilden. Viele ehemalige MTS Lehrlinge waren später in der Region auf verantwortungsvollen Posten tätig, z. B. als Abteilungsleiter Technik oder Brigadiere in umliegenden LPGen. Für die staatlichen Stellen hatte diese Struktur den Vorteil, dass die MTS relativ leicht politisch zu steuern waren. Über ihre Marktmacht im Ackerbau wurden über die MTS auch die kleinen Landwirtschaftsbetriebe beeinflusst. Zu den Kooperationsbetrieben der MTS Jennewitz gehörten, neben Reddelich und Brodhagen, noch 39 weitere LPGen. Der Einzugsbereich reichte bis Nienhagen, Admannshagen, Parkentin, Hohenfelde, Retschow,Schmadebeck, Altenhagen, Hanshagen, Detershagen, Bastorf und Kühlungsborn.

Mit Bildung der Kooperationsgemeinschaften ab Mitte der 1960er Jahre übergaben die MTS nach und nach ihre Technik den neu gegründeten Kooperativen Abteilungen Pflanzenbau (KAP). Die MTS Jennewitz ging 1970 in die KAP KÜHLUNG auf.

LPG-Gründungen

In den Jahren nach 1955 ergab sich für die Landwirtschaft bereits wieder eine grundlegende Veränderung. Die Führung der SED hatte die Gründung von Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG) beschlossen. Anlass war die verstärkte Bildung von Örtlichen Landwirtschaftsbetrieben (ÖLB). In denen wurden Landwirtschaftsbetriebe in der ersten Hälfte der 1950er Jahre zusammengefasst, die von den bisherigen Besitzern nicht mehr bewirtschaftet wurden. Die Flächen dieser Betriebe fielen einem staatlichen Bodenfonds zu und unterstanden einer treuhänderischen Verwaltung durch Stellen auf Kreisebene. Es waren sehr oft Neubauern, die wegen wirtschaftlicher Schwierigkeiten zur Betriebsführung nicht in der Lage waren aber auch Großbauern, wie gerade auch in Reddelich und Brodhagen, die wegen ökonomischen und politischen Druck ihre Höfe verließen und in die Bundesrepublik flüchteten. Ab 1953/54 wurde begonnen, die ÖLB in LPG-en umzuwandeln bzw. aufzunehmen. Die Partei und Staatsführung hatte erkannt, dass die Führung von Landwirtschaftsbetrieben durch zentrale, staatliche Stellen in höchstem Maße ineffektiv war.

Die von den ÖLB-Verwaltungen initiierten LPG-Gründungen waren meist vom Typ III. Das bedeutete, dass von den Genossen alle landwirtschaftlichen Produktionsmittel, wie Boden, Vieh, Nutzgebäude sowie Maschinen und Geräte in die Genossenschaft eingebracht wurden. Über diese Einlagen konnte die Genossenschaft, nach Maßgabe ihrer Statuten, in vollem Umfang verfügen. In LPGen vom Typ I wurde lediglich der Acker in die Genossenschaft eingebracht und bewirtschaftet. Vieh und Gebäude verblieben bei den Eigentümern. Diese Genossenschaften waren meist "Alibigründungen" von Landwirten, die den Genossenschaften im Grunde ablehnend gegenüber standen. Durch staatlichen Druck sahen sie sich jedoch gezwungen, einer LPG beizutreten. Da galt die Devise: Soviel Privatwirtschaft wie möglich, so wenig Genossenschaft wie nötig. Genossenschaften vom Typ II, bei denen zum Acker auch die Maschinen und Geräte in die LPG eingebracht wurden, erlangten kaum Bedeutung.

Zur Förderung der LPG-en gewährte der Staat zwei Jahre Steuerfreiheit und ein niedrigeres Ablieferungssoll. Den Einzelbauern wurden bei Nichterfüllung des Solls Strafen angedroht. Damit wurde systematisch staatlicher Druck aufgebaut, den Bauern die LPG "schmackhaft" zu machen.

Bei der Gründung der LPG ging es offiziell zunächst um einen freiwilligen Zusammenschluss der Bauern, doch bald gab es politischen Erfolgsdruck durch Funktionäre im Kreis. So wurde Reddelich 1960 vollgenossenschaftlich. Die Büdner Bartschat, Hoffmann, Lux, Käkenmeister, Wesphal, Jens, Utesch und Houtkooper gründen die LPG Typ I REICHE ERNTE. Wie die meisten Gründungen von LPGen vom Typ I war auch die der Reddelicher eher eine widerwillige Alibigründung. Der Typ I kam dem Grundsatz, soviel Freiheit wie möglich, sowenig LPG wie nötig, am nächsten. Bei diesem Typ wurde nur der Acker in die LPG eingebracht und gemeinschaftlich bewirtschaftet. Das Vieh wurde weiter einzelbäuerlich gehalten.

Die Lage der Reddelicher "Großbauern"

Auch in Reddelich sahen sich die Großbauern einem zunehmenden politischen Druck ausgesetzt. Schon der Begriff Großbauer stellte eine wohl kalkulierte Verunglimpfung dar. Dabei hätte die junge DDR eigentlich allen Grund gehabt, die etablierten Bauernhöfe zu fördern. Diese stellten maßgeblich die Versorgung der jungen Republik mit Landwirtschaftsgütern sicher. Die Neubauernwirtschaften waren zum einen viel zu klein, um effizient wirtschaften zu können und brauchten, zum anderen, naturgemäß Anlaufzeit. Spätestens Anfang der 1950er Jahre setzte auch in Reddelich und Brodhagen eine fatale Entwicklung ein. Politisches Ziel war eine Kollektivierung der Landwirtschaft nach sowjetischem Vorbild. Klar war aber selbst den härtesten Betonköpfen der politischen Führung, dass die Zwangskollektivierung in der Sowjetunion (SU) der 1930er Jahre grandios gescheitert war. Die Folge waren unzählige Hungertote und eine Entwicklungslücke in der Landwirtschaft von vielen Jahren. Dies wollten die Machthaber in der DDR natürlich nicht und wandten daher subtilere Methoden an.

Der Staat war zwischenzeitlich dazu übergegangen, den Landwirtschaftsbetrieben genau vorzuschreiben, was diese in welchen Mengen und zu festgelegten Preisen abzuliefern hatten. Erst wenn dieses Ablieferungssoll erfüllt war, durften die Bauern die freien Spitzen frei verkaufen. Bei der Bemessung des Ablieferungssolls wurden die Großbauern eindeutig benachteiligt und mit Verpflichtungen belegt, die sie oft gar nicht erfüllen konnten. Aus Angst vor rigider Bestrafung gaben die meisten Großbauern von Reddelich und Brodhagen ihre Höfe auf und flohen in den Westen. Wer mit der Mentalität mecklenburgischer Bauern vertraut ist, kann ermessen, wie groß die Repressalien seitens der staatlichen Stellen gewesen sein mussten. Kein Vollblutbauer verlässt ohne zwingenden Grund Haus und Hof.

Für mich, als gelernten und langjährigen Landwirt, ist es unbegreiflich warum Partei und Regierung der jungen DDR einen solchen Druck auf das Rückgrat der Landwirtschaft, die mittelgroßen Betriebe in Familienbewirtschaftung, ausgeübt haben. Damit wurde die, im Grunde gute und fortschrittliche, Genossenschaftsidee torpediert und auf viele Jahre hinaus diskreditiert. Streng genommen waren es diese Dogmatiker, die in der DDR eine gesunde Entwicklung der Landwirtschaft sabotiert und den Exodus der fachlichen Eliten provoziert hatten. Dass sich die Genossenschaften in der DDR letztlich doch durchgesetzt haben und zu einem bis heute nachwirkenden Erfolgsmodell wurden, ist nicht das Ergebnis der Führungsrolle der SED sondern geschah trotz dieser. Das Gute setzt sich langfristig immer durch, man muss ihm nur Zeit und Raum zum Gedeihen lassen.

Die Geschichte steckt bisweilen aber auch voller Ironie. Fernziel der sozialistischen Doktrin war eine vollständige Vergesellschaftung der Produktionsmittel, also auch von Grund und Boden. Die – de facto – Vertreibung der bäuerlichen Mittelschicht von ihren Betrieben schien vordergründig auch ein Schritt in diese Richtung zu sein. Der Treppenwitz der Geschichte ist aber, dass in der Praxis genau das Gegenteil passierte. Die politischen Betonköpfe konservierten das Eigentum der von ihnen so unbeliebten Großbauern auf Jahrzehnte. Wie das? Nun, in Westdeutschland setzte schon früh ein schleichendes Höfesterben ein, bei dem viele Bauern aus ökonomischen Gründen ihre Höfe, sei es durch Insolvenz oder Verkaufsdruck wegen drohender Überschuldung, aufgeben mussten. Eine derartige Entwicklung war in der DDR bis zum Beitritt zur BRD 1990 ausgesetzt. In den Grundbüchern der DDR passierte nach Überführung verlassener Bauernhöfe in den staatlichen Bodenfonds nicht mehr viel. Im Einigungsvertrag von 1990 wurden die – zweifellos meistens unrechtmäßigen – Enteignungen nach 1949 aufgehoben und die Eigentumsverhältnisse davor wieder hergestellt. So erhielten auch Familien ihre Höfe zurück, die nach marktwirtschaftlichen Regeln wirtschaftlich wohl nicht überlebt hätten.

Dieses Ergebnis hätte sich die Partei und Staatsführung der DDR in den 1950er Jahren wohl nicht vorstellen können. Den nutznießenden Familien sei es gegönnt.

Industrialisierung der Landwirtschaft

Mitte der 1960er Jahre begann in der DDR die Industrialisierung der Landwirtschaft. Technik und Technologien machten bedeutende Fortschritte. Entfalten konnten sich die Innovationen nur in großräumig wirtschaftenden und spezialisierten Betrieben. Es war die Zeit der Trennung von Vieh- und Ackerwirtschaft. Agrochemische Zentren (ACZ) entstanden und übernahmen Düngung und Pflanzenschutz in den Kooperationsbetrieben. Die Massentierhaltung etablierte sich.

Die Umstrukturierungen begannen in Reddelich und Brodhagen mit dem Zusammenschluss der LPGen Steffenshagen, Brodhagen und Reddelich am 1. Januar 1968. Sitz der Genossenschaft wurde Reddelich und der gemeinsame Name: LPG Immer Bereit. Die ersten Kooperationen zwischen den Betrieben kamen durch die gemeinsame Nutzung der ehemaligen Molkerei Reddelich als Werkstatt und Stützpunkt für Landtechnik sowie der gemeinsame Einsatz von Mähdreschern zustande. Dazu berichtet der damalige Genossenschaftsvorsitzende Kurt Wölm:

Hierbei [Mähdrescher-Komlexeinsatz] lagen die betrieblich-materiellen Vorteile klar auf der Hand, denn immerhin konnten zwei Traktoren zum Transport des Getreides eingespart werden. Andererseits war der Einsatz eines komplexgebundenen Schlossers für kleine und mittlere Reparaturen auf dem Feld zur schnellen Einsatzverfügbarkeit der Technik rentabel. Das waren die Vorteile. Jedoch mussten, auch hier wie in allen Entwicklungsetappen, ideologische Barrieren überwunden werden. Kollektive aus drei LPG mussten neu gebildet werden und sich buchstäblich zusammenraufen. War doch der Wert der AE [Arbeitseinheit] in den LPG von unterschiedlicher Höhe, bedeutete das bei gleicher Leistung unterschiedliche Vergütung in Mark und Pfennig. Die einheitlich gestaltete Prämienordnung konnte nicht den Gesamtverdienst wettmachen.
Ein weiteres Problem war die betrieblich-egoistische Einstellung der Genossenschaftsbauern. Obwohl der Ernteablauf — wo und was wird täglich gedroschen — von den Leitungen der drei LPG täglich festgelegt wurde, gab es nicht immer Einverständnis im Mähdruschkollektiv darüber. So zum Beispiel: Warum wird heute in Brodhagen gedroschen? Unser Getreide ist genauso reif, wer kann Voraussagen, ob wir bei diesen Witterungsverhältnissen unser Korn auch trocken reinkriegen und ähnliches mehr.
Die Zeit blieb jedoch nicht stehen. Um eine engere Bindung zueinander zu bekommen, wurde 1967 der Zusammenschluss der LPG Steffenshagen, Reddelich und Brodhagen vorbereitet. Es ging weiter vorwärts zur Schaffung der Grundlagen zum Aufbau des Sozialismus in der Landwirtschaft, und so wurde ab 1. Januar 1968 der Zusammenschluss beschlossen. Auch das läßt sich heute leichter niederschreiben und noch leichter lesen, als es in Wirklichkeit war. Immer wieder eine neue Gemeinsamkeit in Herz und Hirn der Bauern zu pflanzen kostete große Kraftanstrengungen und Überzeugungsarbeit. Einer der Schwerpunkte dabei war die Erarbeitung einer neuen Vergütungs- und Betriebsordnung. In vielen Punkten mussten völlig neue Regelungen erarbeitet und beraten werden.
Auch so etwas gab es: „Arbeiten ja, aber da ist die Grenze zwischen Reddelich und Steffenshagen, und dahinter soll der sehen, wie er fertig wird, der es solange gemacht hat.“ Dieser ortsgebundene Egoismus war zählebig und löste sich nur langsam auf.

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Bereits 1967 konstituierte sich die Landwirtschaftliche Kooperation KÜHLUNG, aus der Einsicht heraus, dass es größerer Strukturen bedarf, um die Vorteile der Industrialisierung voll ausschöpfen zu können. Als 1970 die Zwischenbetriebliche Einrichtung Pflanzenbau (ZBE (P) KÜHLUNG) gebildet wurde, umfasste das Kooperationsgebiet die LPG-en Kühlungsborn, Hinter-Bollhagen, Reddelich, Jennewitz, Kröpelin, Brusow, Schmadebeck und Altenhagen. Bewirtschaftet wurden 8200 Hektar. Damit war die strukturelle Basis geschaffen, die bis zur Auflösung der DDR Bestand haben sollte. Bis zum Beitritt zur BRD blieb die Landwirtschaft der größte Wirtschaftszweig in der Gemeinde Reddelich.

Erwähnung finden sollte noch, dass 1975 die ZBE (P) KÜHLUNG und die ZBE (T) KÜHLUNG (die zwischenzeitlich gebaute 2000er Milchviehanlage in Kröpelin) juristisch selbstständige LPG-en wurden. 1975 wurde auch eine politische Dachorganisation für den Kreis Bad Doberan, die Agrar-Industrie-Vereinigung Kröpelin (AIV) gegründet.




Schon fast zum Symbol für die industrielle Landwirtschaft wurden die Abteilungen AGRAR-Flug der ACZ. So wurden in Brodhagen, am heutigen Rad- und Wanderweg nach Bad Doberan und an der Gemeindegrenze zwischen Reddelich und Steffenshagen, am Jennewitzer Landweg, Feldflugplätze angelegt. Von dort wurden bei Bedarf die Felder der Region gedüngt oder mit Pflanzenschutzmitteln besprüht.

Tierseuchenmanagement

Einen sehr hohen Stellenwert hatte zu DDR-Zeiten die Prävention von Tierseuchen und -krankheiten. Es war essentiell für die aufkommende Massentierhaltung, die Gefahr von Ansteckungen auf ein Minimum zu reduzieren. In den 1960er Jahren wurden dazu örtliche (Tier-) Seuchenkommisionen gebildet. Deren Aufgabe war die Festlegung und Durchsetzung von Maßnahmen, insbesondere beim Auftreten meldepflichtiger Tierkrankheiten. Für Reddelich ist erstmalig 1967 solch eine Kommission aktenkundig geworden, die vom Tierarzt Dr. Trommer geleitet wurde.

Für die Großanlagen der Tierhaltung, die ab den 1970-er Jahren gebaut wurden, gab es ein zweistufiges Sicherheitsmanagment. Grundsätzlich galt ein allgemeines Verbot zum Betreten dieser Anlagen für nicht autorisierte Personen. Autorisiert wurden nur Arbeiter und Angestellte mit konkreten Aufgaben in den Anlagen. Diese mussten vor Betreten und Befahren durch flache Bäder mit Desinfektionslösung, sogenannte Seuchenwannen, gehen bzw. fahren. Dann waren sie im Schwarzbereich. Das waren die Außenanlagen des Stalles. Das Stallinnere wurde als Weißbereich bezeichnet. Diesen konnte man nur nach vorheriger Ganzkörperdusche und kompletten Kleiderwechsel betreten. In unserer Region waren das die 2000-er Milchviehanlage in Kröpelin, die Schweinemastanlage Neubukow und die Eierproduktionsanlage des Kombinates Industrielle Mast, besser bekannt unter der Abkürzung KIM, in Sandhagen.

Individuelle Tierhaltung

Was sich heute wie ein Anachronismus anhört, war damals ein wichtiger, staatlich geförderter und hoch subventionierter Erwerbszweig. Einwohner der Dörfer und Gartenbesitzer in Stadt und Land waren angehalten, durch Tierzucht in ihrer Freizeit die Versorgung der Republik mit Qualitätsfleisch und Eiern zu verbessern. Dabei ging es nicht nur um Kleinvieh. In den Dörfern wurden Schweine, Mastbullen und sogar Milchkühe privat gehalten.

Für die Tierhalter stellte die gute Bezahlung einen lukrativen Nebenverdienst dar. Der Staat subventionierte diese Wirtschaft aus verschiedenen Gründen. Landwirtschaftsprodukte waren ein zuverlässiges Exportgeschäft und brachten der klammen Volkswirtschaft dringend benötigte Devisen ein. Durch die Privatwirtschaft wurden Ressourcen genutzt, die für LPG-en unrentabel waren. Das waren z. B. alte, kleine Stallungen auf den ehemaligen Hufen und Büdnereien. Aber auch Splitterflächen, die mit moderner Technik nicht vernünftig zu bewirtschaften waren, wurden auf diese Weise genutzt. Es gab auch in Reddelich und Brodhagen, wie in allen Dörfern der DDR, so gut wie keine brach liegenden Flächen. Selbst Straßengräben wurden an Privatleute zur Heu- oder Grünfuttergewinnung verpachtet. Beliebt war auch die sogenannte Drangfütterung von Schweinen. Als Drang werden die Speisebfälle aus Gaststätten und Großküchen bezeichnet.

In den 1980er Jahren wurde die individuelle Wirtschaft auch auf Obst und Gemüse ausgedehnt. Es gab zentrale Aufkaufstellen der Großhandelsgesellschaft (GHG) der DDR für diese gärtnerischen Produkte. Zu festgelegten Preisen kauften auch Gaststätten und Einzelhandelsbetriebe die frischen Produkte gerne zum sofortigen Weiterverkauf auf.

Diese Wirtschaft, mit ihren hohen Subventionen, nahm teilweise skurrile Züge an. So war es für einen Kaninchenzüchter finanziell günstiger, seine Kaninchen an die Aufkaufstelle zu liefern und seinen Kaninchenbraten für Sonntag im Geschäft zu kaufen – so es dort welchen gab. Getreide und Getreideschrot gab es für nomale Verbraucher nicht zu kaufen sondern nur für LPG-Mitglieder, kontigiert als Deputat-Naturalien. Dies führte dazu, dass Tierhalter massenweise Brot an Schweine und Kaninchen verfütterten. Es rechnete sich, billiges Kastenbrot beim Bäcker zu kaufen und an die Tiere zu verfüttern. Legendär war auch der Schwund in den Futterküchen der LPG-en. Wie zur Bestätigung ließ sich dann auch noch der erste Mann im Staat zu dem Ausspruch hinreissen: » … aus unseren Betrieben ist noch viel mehr heraus zu holen! …« Dieser Spruch wurde auch in Reddelich und Brodhagen nur zu gerne missverstanden.

Landwirtschaft als kommunaler Motor

Als größter Wirtschaftszweig in den meisten Dörfern der DDR fiel den LPGen auch eine besondere Rolle im Kommunalwesen zu. Ob Wegebau, Wohnungswirtschaft, Kulturförderung oder Winterdienst, ohne die LPG ging in der Regel nichts. Oft wurde der jeweilige LPG-Vorsitzende auch als heimlicher Bürgermeister bezeichnet.

Der Bedarf an Arbeitskräften in den Genossenschaften bestimmte auch in Reddelich und Brodhagen die Prioritäten im Wohnungsbau. Die Genossenschaften hatten das größte Kontingent an Wohnungen in beiden Dörfern, über deren Belegung formal die LPG-Vorstände entschieden. In der Praxis votierte der Vorstand nur sehr selten gegen die Vorschläge der Betriebsleitung, also des Vorsitzenden, der Abteilungsleiter oder die örtlichen Brigadiere.

Die LPGen unterhielten eigene Baubrigaden. Ursprünglich als kleine Reparaturtrupps für die genossenschaftliche Infrastruktur gedacht, entwickelten sich diese bis zum Ende der DDR zu Betrieben in den Betrieben. Sie unterhielten nicht selten eigene Tischlereien, Zimmereien und Sägewerke.

Im ländlichen Wegebau galt das Motto "Hilf dir selbst". Zustandsbeschreibungen von Landwegen in Mecklenburg ähnelten schon im 19. Jahrhundert eher Horrorgeschichten. Bilder aus den 1950er Jahren aus unserer Gemeinde lassen den heutigen Betrachter recht ungläubig schauen. Erst mit der Industrialisierung der Landwirtschaft verbesserten sich die Straßenzustände allmählich. Die Kommunen hatten jedoch kaum Mittel für den innerörtlichen Wegebau zur Verfügung. Die Wege in Reddelich und Brodhagen, außerhalb der Durchgangsstraßen F 105 und Steffenshäger Straße, wurden peu á peu, mittels einer Mischung aus staatlichen Materialzuweisungen, Technik der LPG-en und ehrenamtlicher Arbeitskräfte verbessert.

Alltag auf den Dorf-"Straßen" der Region bis in die 1960er Jahre. Hier in Ober-Steffenshagen. [10]
Artikel aktualisiert am 26.02.2020