Moehlenbäk, Molkereibach, Bollhagener oder doch Bollhäger Fließ?

Von Ulf Lübs

Im Hundehäger Wald gibt es mehrere Quellen, denen ganzjährig Wasser entspringt. Bis zum 19. Jahrhundert lief dieses Wasser in die nördlich des Waldes gelegenen Wiesen und Moore. Gemeinsam mit Regen- und Schneeschmelzwasser entstand eine Sumpf- und Niederungslandschaft, die heute jeden "Hardcore-Naturschützer" in Verzückung versetzen würde. Den zeitgenössischen Bauern war dies jedoch eine gewaltige Ressourcenvergeudung.

Vom allgemeinen Intensivierungszwang in der Landwirtschaft des 19. Jahrhunderts getrieben, machten sich Landwirte der Region, unterstützt von Fachleuten und Beamten der domanialen Verwaltung an die Melioration ihrer Felder und Wiesen. Basis aller Maßnahmen war die Ableitung überschüssigen Wassers in die Ostsee. Da in der Reddelicher Ortslage kein natürlicher Vorfluter vorhanden war, musste einer geschaffen werden. Das Ergebnis ist heute offensichtlich. Der zentrale Vorfluter für Reddelich und Brodhagen ist ein ganzjährig wasserführender Bach, der das westliche Gemeindegebiet durchfließt. Er dürfte zwar noch keine 200 Jahre alt sein, über seine Entstehung ist in den bislang ausgewerteten Quellen jedoch nichts überliefert. Ich bin aber davon überzeugt, dass in den archivierten Akten des Domanialamtes Doberan auch über unsere Vorfluter Unterlagen zu finden sind. Da gibt es Forschungsarbeit – für jeden Interessenten!

Dass der Sammelgraben an der Nordseite des Hundehäger Waldes von Menschenhand gegraben wurden, ist heute noch offensichtlich. In ihm sammelt sich das Oberflächenwasser aus dem Wald und den angrenzenden Feldern und Wiesen. Es fließt durch einen zu DDR-Zeiten verrohrten Graben in den Erlenbruch an der Gemeindegrenze zu Steffenshagen.

Dort begegnet uns auch schon die erste Besonderheit. Unser Bach heißt auf alten Flurkarten Moehlenbäk, die Brücke über den Jennewitzer Landweg, vor Verrohrung des Bachabschnittes, Moehlenbrügg und der angrenzende Hügel Moehlenbarg. Das Kuriosum ist, es gibt derzeit keinen Hinweis auf eine Mühle in Reddelich. Zwar gab es in Reddelich bis zum Dreißigjährigen Krieg eine wassergetriebene Walkmühle. Aber ob diese dort gestanden hat, ist nicht bekannt. Dass sich alte Flurnahmen 250 Jahre ohne Grundlage überliefert haben ist unwahrscheinlich. Wahrscheinlicher ist eine geplante Windmühle auf dem moehlenbarg, die jedoch nie gebaut wurde. Zugig genug ist es jedenfalls in dieser Ecke.

Ein Blick in topografisches Kartenwerk dieser Gegend legt den Schluss nahe, dass die Moehlenbäk zwischen Jennewitzer Landweg und ehemaliger Molkerei in die Feldmark gegraben wurde. Der kurvige Verlauf folgt den natürlichen Gegebenheiten und dürfte den Aufwand beim buddeln erfreulich gering gehalten haben. Ob die mit Erlen bewachsenen Brüche seinerzeit als Rückstaufläche bei Hochwasser mit angelegt wurden oder sich im Laufe der Jahre selbst gebildet haben, lässt sich ohne einen Blick in die Planungsunterlagen wohl nicht beantworten. Heute verschaffen sie dem Bachlauf jedenfalls ein natürliches Flair.

Kurz vor dem Ende der Alten Dorfstraße befindet sich ein Durchlass, der zwar einen Auslauf in einen offenen Graben hat, jedoch keinen erkennbaren Einlauf. Bis zu Beginn der 1990er Jahre befand sich auf der anderen Straßenseite eine Wiese mit einer Quelle, die über benannten Graben in die Moehlenbäk ablief. Mit Erschließung des Gewerbegebietes wurde dessen westliches Regenrückhaltebecken an den Graben angeschlossen. Die Quelle wurde in die Verrohrung eingebunden, bevor die Wiese bebaut wurde. Diese Quelle sorgt für einen permanenten Wasserfluss im Graben, der in den gut 20 Jahren in denen ich hier lebe, noch nie versiegte – und wenn es nur ein bleistiftdünnes Rinnsal war, dass in trockenen Sommern floss.

Unscheinbar aber wichtig ist ein weiterer Zufluss zur Moehlenbäk, der größtenteils unterirdisch verläuft. Nördlich der Alten Dorfstraße, auf Höhe des Fußweges in das Gewerbegebiet, fließt Wasser in einen offenen Graben, das im Nordteich des Gewerbegebietes "zwischengelagert" war. In den Graben gelangt, neben dem Niederschlagswasser aus dem Gewerbegebiet, auch das überschüssige Wasser aus dem Torfmoor an der Glashäger Straße und den Wiesen zwischen ihr und der B 105. Dieser ganzjährig wasserführende Entwässerungsstrang wurde in die Erschließung des Gewerbegebietes eingebunden.

Auf Höhe des ehemaligen Hof Barten, der Hufe III von Reddelich, ist in topografischen Karten ein Wehr eingezeichnet. Ältere Reddelicher erinnern sich noch an eine Bewässerungsanlage mit Pumpenhaus und Druckleitungen zu den Kohlfeldern von Bauer Barten, der diese damals hochmoderne Anlage in den 1920er Jahren bauen ließ. Die später dort wirtschaftende LPG nutzte den Bereich für eine Kartoffeldämpfanlage. Heute erobert die Natur das Terrain zusehends.

Gleichfalls ein Wehr ist in vielen Karten am Straßendurchlass der Steffenshäger Straße eingezeichnet.Dieses gibt es heute nicht mehr. Der Straßendurchlass ist durch seinen begrenzten Durchmesser eine Drosselstelle. Mit der Höhendifferenz zur Straße wirkt er als Hochwasserschutz. Dieses wird dort angestaut und die Bachniederungen bilden eine Überschwemmungsfläche, auf der das Wasser keinen Schaden anrichten kann. Ein einfaches, aber effizientes System, das wenig Wartungsaufwand benötigt.

Die ehemalige Molkerei Reddelichs ist ein Namenspatron der Moehlenbäk. Für viele ältere Reddelicher heißt sie schlicht Molkereibach. Bäk oder Bach, dem Wasser ist’s egal. Es fließt weiter durch Wiesen, um sich anschließend durch einen landschaftlich reizvollen Erlenbruch zu mäandern. In diesem Bereich herrscht das stärkste Gefälle im Streckenverlauf des Baches. Es wussten also schon unsere Vorfahren, dass man durch serpentinenartige Führung des Bachbettes diesen beruhigt und somit einen weiteren preisgünstigen Hochwasserschutz schaffen kann. Unterstützt wird diese Funktion durch den flach gehaltenen Erlenbruch in Kombination mit eingebauten Durchlässen als Drosselstellen.

Dass dem Bach in der Ortslage von Brodhagen ein Bett mit 90-Grad-Bogen gegraben wurde, hat wohl mit seiner Funktion als Viehtränke für die anliegenden Bauernhöfe zu tun. Die Geologie dort hätte auch, anders als am Kalkberg , andere Streckenführungen erlaubt. Zwischen Kalkberg und Tempels Berg hat die Natur die Bachbettführung mehr oder weniger vorgegeben.

Eine Seltenheit befindet sich im Grenzbereich zur Vorder Bollhäger Flur. Wenn man es genau nimmt, endet die Moehlenbäk dort. Über eine Wasserweiche fließt heute der Hauptteil ihres Wassers in das Bollhagener Fließ nach Bad Doberan und von dort in die Ostsee. Es gibt aber auch eine Verbindung zum Bollhäger Fließ, das über Hinter und Klein Bollhagen in Fulgen in die Ostsee fließt.
Möglich wird dieses Kuriosum durch das geringe Gefälle, das in dem Bereich herrscht. Die Wasserweiche liegt auf 15 Meter Höhe und die Ostsee ist noch weit weg. Egal welchen Weg das Wasser aus Reddelich dorthin nimmt, es hat an der Bollhäger Wasserweiche noch nicht die Hälfte seines Weges geschafft, ist aber bereits über 50 Höhenmeter bergab geflossen. Andernorts wurden für derartige Knotenpunkte Seen genutzt oder angelegt. Ein künstlicher See an der Bollhäger Wasserweiche wäre nicht nur teuer im Bau gewesen, sondern auch in der Unterhaltung. Durch die relativ geringe Fließgeschwindigkeit würde ein solcher stark zur Verlandung neigen.

Im topografischen Kartenwerk von 1879 bildete die benannte Wasserweiche auch die Wasserscheide und beide Fließe wurden als gleichrangige Gewässer gezeichnet. In den 1980er Jahren bildete eine Linie die Wasserscheide, die in etwa dem Plattenweg zwischen Steffenshagen und Vorder Bollhagen entspricht.
Seit den 1990er Jahren ist die Moehlenbäk wieder die gemeinsame Quelle für das Bollhäger und das Bollhagener Fließ. Der überwiegende Teil des Wassers aus Reddelich verlässt unter der Brücke des Landweges von Doberan nach Vorder Bollhagen unser Gemeindegebiet. Von dort macht es einen Umweg über Bad Doberan und vereinigt sich zunächst südlich des Thünenhofs mit dem Althöfer Bach und im weiteren Verlauf mit dem Rotbach. Das Mischwasser der beiden Bäche wird Mühlenfließ genannt, was die hochdeutsche Entsprechung zu Moehlenbäk ist. Das Mühlenfließ, von vielen nach Ausbau und Begradigung in den 1960er Jahren auch "Conventer Randkanal" genannt, ergießt sich an der Jemnitzschleuse zwischen Heiligendamm und Börgerende in die Ostsee.

Wie dem auch immer sei, eine Wanderung entlang der Moehlenbäk und den Fließen von Bollhagen ist immer ein empfehlenswertes Naturerlebnis. Und wer dabei den Ort Bollhagen ohne Präfix findet, dem winken auch noch wissenschaftliche Meriten.

Reddelich, im Mai 2015

Anhang

Artikel aktualisiert am 22.04.2020