Über die Topografie Reddelichs und Brodhagen

Von Ulf Lübs (Recherche und Layout) und Ulrich Bernau (fachliche Beratung)

Unsere Gemeinde, bestehend aus den Dörfern Reddelich und Brodhagen, liegt zwischen den Städten Bad Doberan und Kröpelin, eingebettet in die mecklenburgische Moränenlandschaft am Südostrand der Kühlung. Die 9,3 Quadratkilometer Gemeindefläche werden im Nordosten von den Feuchtwiesen der Conventer Niederung, im Osten von den Waldflächen des Doberaner Kellerswaldes und den Feldrainen der Stülower- sowie Glashäger Gemarkung flankiert. Von Südosten bis Nordwesten bilden die Ränder des Retschower Forstes und des Hundehäger Waldes die Grenzen der Gemeindeflur, während zwischen Nordwesten und Norden mal der Bachlauf der Moehlenbäk und sonst Feldränder die natürlichen Grenzen zu Steffenshagen sind. Auch im Süden, zwischen Kellerswald und Retschower Forst bildet die Winnebäk, ein kleiner Bach, eine natürliche Grenze zu unseren Nachbarn. Der höchste Punkt im Gemeindegebiet liegt mit 92 Metern am Snakenbarg an der Grenze zum Retschower Forst. Am tiefsten Punkt verlässt das Bollhäger Fließ auf einer Höhe von cirka 11 Metern das Gemeindeterritorium. Diese etwa 80 Meter Höhenunterschied sind ein Garant für ein landschaftlich reizvolles Oberflächenrelief

Eine Aussage über die Topografie der Region vor 500 Jahren und mehr zu treffen, erweist sich als sehr schwierig. Niemand hat sich damals die Mühe gemacht, Karten vom Gemeindegebiet zu zeichnen oder unsere Heimatregion zu beschreiben. Ich denke, Konsens besteht in der Annahme, dass im Gemeindeterritorium seit der letzten Eiszeit keine nennenswerten Bodenbewegungen stattfanden. Das heißt, es wurden in unserer Region keine Berge abgetragen oder aufgeschüttet, keine schiffbaren Kanäle gebaut und auch nennenswerter Bergbau betrieben. Der Kalkabbau in Brodhagen hat ein relativ kleines Loch in der Landschaft hinterlassen. Dieses ist heute mit Wasser gefüllt und von Bäumen und Büschen umwachsen. Die Sand- und Lehmförderung für innerdörfliche Bauzwecke hat kaum Spuren hinterlassen. Andernorts war das durchaus anders. Damit enden die halbwegs gesicherten Erkenntnisse über die Topografie der letzten Jahrhunderte bei uns bereits. Aber es gibt historische Anhaltspunkte, die durchaus Rückschüsse zulassen.

Das Gemeindegebiet in historischem Kartenwerk

Die Kartografen im Mittelalter beschränkten sich auf eher schematische Darstellungen der Welt. Geografie spielte dabei eine untergeordnete Rolle. Wichtiges wurde groß dargestellt und unwichtiges klein. "Reddelke und Brodthagen sind auf der Karte Mecklenburgs von 1645 ohne weiter Informationen eingezeichnet (Siehe Anlage). Diese Karten dienten vorrangig religiösen Zwecken.
Nach der Reformation wuchs auch in Mecklenburg der Bedarf an genauen Darstellungen des Landes. Vorreiter war, wie so oft, das Militär. Genaue topografische Darstellungen waren und sind essenziell für militärische Planungen. Weniger topografische Details als viel mehr die grafische Darstellung der Nutzungsverhältnisse interessierte Beamte in den Verwaltungen und Pächter von Gütern und Hufen gleichermaßen. Sie mussten eine "gemeinsame Sprache" finden, wenn es um die Bewirtschaftung und Besteuerung der Flächen ging.  » Ein Bild sagt mehr als tausend Worte «.  Dieses Sprichwort ist der wohl prägnanteste Lösungsansatz für das Problem, der direkt in das heutige Katasterwesen mündete.

Topo-06

Die Kartografie begann mit aufwendig und künstlerisch gestalteten aber nicht maßstabsgetreuen Stichen in Holz oder Kupfer. Im 18. Jahrhundert wurde begonnen, die Dörfer Mecklenburgs exakt zu vermessen. Diese aufwendige Feldarbeit wurde in der Regel vom Militär übernommen.
Der älteste Bezug auf eine Flurkarte vom Gemeindegebiet stammt aus einer Vermessung von 1726 und steht in einer Sammlung von Ortschroniken, die 1947 zusammengestellt wurde. Leider lag mir bis Redaktionsschluss weder die Karte, auf die sich dort bezogen wurde, noch Angaben über den Autor vor. Daher ist mir eine Zuordnung der Bezeichnungen zur Örtlichkeit nicht möglich. Ausschließen kann ich auch keinen Fehler in der Gemeindezuordnung. Sollten diese Bezeichnungen tatsächlich der Gemarkung Reddelich zuzuordnen sein, ist es schon bemerkenswert, dass diese bereits auf Karten von Ende des 19. Jahrhunderts nicht mehr erscheinen (siehe rechts).


Schmettau-Karte von 1794, Ausschnitt [Repro: Ulf Lübs]

1794 veröffentlichte Friedrich Wilhelm Karl von Schmettau, ein hochrangiger Offizier, eine Generalkarte Mecklenburgs im Maßstab 1:225.000. Diese gilt als erste exakt vermessene Karte von Mecklenburg und diente als Grundlage für viele später erschienene Landkarten. Grundlage für seine Arbeit war wiederum das Werk von Carl Friedrich von Wiebeking, Architekt, Wasserbau-Ingenieur und Landvermesser. Redaktionsschluss, und somit der Referenzzeitraum des Kartenwerks, war um 1787.

Der Kartenausschnitt für unsere Region lässt einige Rückschlüsse zu. Reddelich ist dort als Straßendorf mit beidseitiger, kompakter Bebauung am Weg zwischen Jennewitz und Stülow eingezeichnet. Zur damaligen Zeit war dieser alte Handelsweg die zentrale Dorfstraße Reddelichs. Verzeichnet ist in der Karte zwar eine Poststraße höherer Klassifikation, die aber aus ihrer überregionalen, verwaltungstechnischen Bedeutung resultiert. Für die Reddelicher war dieser Weg zunächst von geringer Bedeutung. Auch führte dieser, dessen Streckenführung mit der heutigen B 105 etwa übereinstimmt, damals südlich an Reddelichs Höfen vorbei. Die Reddelich am nächsten liegenden Mühlen waren damals die Wassermühle in Badenmühle, zwischen Stülow und Hohenfelde sowie eine Windmühle zwischen Kröpelin und Jennewitz. Wir wissen nicht, in welche der Mühlen die Reddelicher Bauern ihr Korn zum Mahlen brachten, beide waren aber über den benannten Fernhandelsweg zu erreichen. Brodhagen ist in der Karte als Ort mit loser, gleichrangiger Bebauung an einer Wegschleife aufgeführt. Der Gutshof ist auf der Karte gleichrangig mit den Hufen eingezeichnet, was auf seine damals geringe Bedeutung schließen lässt. Als einziges, bedeutsames Gewässer in der Umgebung ist der Grenzbach zu Stülow, die Winnebäk, dort eingezeichnet.

Die Ältesten, mir bekannten, Flurkarten sind die von der Brodhäger Domäne aus dem Jahr 1872 und der Bewirtschaftungsplan der Reddelicher Hufe VII von Ende des 19. Jahrhunderts.
Ein gutes Beispiel, mit welcher Akribie die kartografischen Abteilungen des Militärs arbeiteten, zeigt der Ausschnitt einer Manöverkarten von 1909 im Anhang.


Historische Flurbezeichnungen sind meist selbsterklärend. Aber manchmal sind diese heute nicht mehr nachvollziehbar. Dafür ist die Moehlenbäk ein gutes Beispiel. Dass die Brücke über ihr Moehlenbrügg heißt und beides an den Moehlenbarg grenzt, wird jeder Kenner der plattdeutschen Sprache für schlüssig halten. Das Dumme ist nur – es gibt weder einen Beleg für eine vorhandene noch für eine geplante Mühle in Reddelich! [Neuere Forschungen haben ergeben, dass es in Reddelich bis zum Dreißigjährigen Krieg eine wasserbetriebene Walkmühle gab. Ein Zusammenhang ist sehr wahrscheinlich.]

Im Juni 1930 veröffentlichte Johannes Gosselck, eine Sammlung von Flurbezeichnungen der Gemarkung Reddelich. Offensichtlich war er, während seiner Zeit als Lehrer in Steffenshagen, in der Region volkskundlerisch tätig. Für die Positionen 01 bis 14 in der Kartenlegende (siehe Anhang), benannte er als Quelle den Reddelicher Altenteiler Peter Barten. Für die restlichen Flurbezeichnungen hat er keine Quellen benannt. Seine Arbeit beweist die permanente Anpassung der Flurbezeichnungen. Dabei sind Veränderungen nicht immer nachzuvollziehen. Warum zum Beispiel aus der Roden Katenwisch in den heutigen Flurkarten die Roden Koeterwisch wurde, weiß wohl nur der für die Änderung verantwortliche Kartograf. Der Bezug zum "roten Katen" wurde jedenfalls gründlich verwischt. Gleichfalls sinnentstellend wirkt die Umwandlung der Sühring in Suhring.


Kennzeichnend für die Kartografie in der DDR war die Paranoia der der Staatsführung. Überall witterte sie Feinde. Denen durfte man es natürlich nicht zu leicht machen, von "A nach B" zu gelangen. Daher waren öffentliche Landkarten im besten Fall ungenau, Manchmal auch verwirrend falsch. So ist der Informationsgehalt der Schulkarte aus den 1970er Jahren doch recht dürftig. Offensichtlich wurden für diese Karte Vorlagen aus dem 19. Jahrhundert verwendet und mit zeitnahen Informationen vermischt. So sucht man die Reddelicher Moelenbäk dort genauso vergeblich, wie den Weg von der F 105 nach Brodhagen. Dieser wurde zwar erst 1975 befestigt, war aber Ende des 19. Jahrhunderts bereits vorhanden.

Deutlich besser versorgt mit kartografischen Informationen wurden die Funktionäre in Wirtschaft und Politik. Dem Ausschnitt einer topografischen Karte mit dem Stempel "Vertrauliche Dienstsache" kann man deutlich mehr Informationen entnehmen.
Heute würden die Geheimniskrämer von früher sich die Haare raufen. Für Geld bekommt man heute Satellitenaufnahmen in fast jeder Auflösung, von jedem Winkel der Erde und das nahezu in Echtzeit. Selbst Gratisdienste wie Google Map bieten exzellentes Kartenmaterial für jedermann.
Mit ihren Kartenbeständen, die, wie eingangs erwähnt, oft auf die Arbeit der Vermesser und Kartografen aus dem 18. Jahrhundert aufbauen, möchten die Behörden zwar noch Geld verdienen. Dies wird jedoch immer schwieriger. Einmal digitalisiert ist eine Verbreitung von Kartenmaterial kaum zu stoppen.

Die Wasserführung in der Gemeindeflur

Die Moehlenbäk, die vom Hundehäger Wald kommend Reddelich und Brodhagen durchfließt, ist kein Relikt der letzten Eiszeit, sondern ein Kunstprodukt der letzten 200 Jahre. Im Kartenwerk des dem ausgehenden 18. Jahrhunderts, die ersten exakt vermessenen Karten Mecklenburgs, ist kein ganzjährig wasserführender Bach verzeichnet. Wenn es solchen damals gegeben hätte, die Kartografen hätten ihn nicht ignoriert. Erstmalig erschien die Moehlenbäk in einer Militärkarte von 1894. Auf der anderen Seite wissen wir, dass die Slawen, also auch die Raducler, an offenen Gewässern siedelten. Was also fanden die ersten Missionare, die sich bei unseren Vorfahren vorstellten, in Raducle vor?
Die Höhendifferenzen von bis zu 80 Metern auf relativ kleiner Fläche sorgte auch damals für temporär fließendes Wasser – keine Frage. Dieses wird sich in den tiefer gelegenen Flächen, in denen die heutige Vorflut verläuft, gesammelt haben. Diese Feuchtniederungen stellen, naturbelassen, eine Sumpflandschaft dar, die bei viel Regen überschwemmt wird und in der sich bei Trockenheit das Wasser in einzelne Sölle zurückzieht. Wenn dies lange genug und ohne menschlichen Eingriff passiert, entstehen Moore, deren organische Substanz schließlich vertorft.

Einen Hinweis, dass die Reddelicher im 19. Jahrhundert – und davor – Torf gestochen hatten, geben Deputatlisten für Altenteiler und Gesinde. Die dort aufgeführten Torfsoden zur Feuerung werden unsere Vorfahren nicht aus Rethwisch oder von noch weiter herangekarrt, geschweige denn für Geld erworben haben.

Ob und wie die einzelnen Feuchtniederungen miteinander verbunden waren und extremes Hochwasser in die Ostsee ablaufen konnte, wissen wir nicht. Der gewundene, und umwegreiche Weg des heutigen Baches spricht dafür, zumindest bis zum Brodhäger Kalkberg. Ab dort ist der Charakter einer geplant gebauten Vorflut offensichtlich. Eine wasserbauliche Besonderheit ist die Wasserweiche an der Nord-West-Grenze der Brodhäger Gemarkung. Ein Teil des aus Reddelich kommenden Wassers fließt über Vorder und Hinter Bollhagen in Fulgen in die Ostsee. Der andere Teil, derzeit die Hauptmenge, nimmt den Umweg über das Bollhagener Fließ nach Doberan, um dort in das Mühlenfließ zu gelangen. Dieses mündet an der Jemnitzschleuse zwischen Heiligedamm und Börgerende in die Ostsee.

Die Winnebäk, der Grenzbach zu Stülow, dürfte für unsere Vorfahren wirtschaftlich genauso unbedeutend gewesen sein wie für uns.

Aus der Geschichte Mecklenburgs wissen wir, dass im 19. Jahrhundert begonnen wurde, Wiesen und Felder zu meliorieren um eine Ertragssteigerung zu erzielen. Wir wissen zwar nichts über Art und Umfang solcher Maßnahmen in der Gemeinde, Zufallsfunde bei Schachtarbeiten bestätigen jedoch derartige Arbeiten in der Feldmark. Legendär sind in dem Zusammenhang Geschichten von Landwirten, deren Quintessenz unisono lautet: … Bei unsachgemäß ausgeführten Arbeiten zur Melioration wurde genau das Gegenteil von dem erreicht, was man eigentlich haben wollte. Durch Zerstörung alter Drainagen, oder wenn man diese nicht fachgerecht in die neuen Anlagen eingebunden hat, wurden aus Entwässerungsprojekten schnell mal Bewässerungsanlagen …

Für unsere Moehlenbäk bedeutet dies: Die heutige Vorflut entlang der Nordkante des Hundehäger Waldes, quasi ihre Quelle, ist augenscheinlich im 19. Jahrhundert neu gebaut worden. Die damaligen Meliorationsmaßnahmen in der Flur sorgten wiederum für einen ganzjährigen Wasserfluss. Inwieweit in den geschaffenen Bachlauf bestehende Gräben eingebunden wurden, lässt sich mit Bestimmtheit wohl nicht mehr feststellen.

Kein Zufall ist der, oft zu beobachtende, Bewuchs Mecklenburger Bachufer mit Erlen. Diese schnell wachsenden, staunässetoleranten Bäume waren ein wichtiger Brennholzlieferant für die Bauern, die ja in der Regel keinen Wald in Pacht hatten, oder gar besaßen. Das Praktische an so einer Erle ist: Sie ist kaum totzukriegen. Die aus dem frischen Stubben treibenden Seitentriebe wachsen binnen weniger Jahre zur nächsten Generation Brennholz heran. Was Ökologen von heute in Verzückung versetzt, nahmen die Bauern der Vergangenheit gerne nebenher mit. Erlen bieten gratis eine effiziente Uferbefestigung, sind ein wirkungsvoller Windschutz, spenden dem Weidevieh Schatten und, und …

Die Wege in der Gemeinde

Über lange Zeit war für Reddelich eine alte Handels-"Straße" der bedeutendste Weg. Die Route entsprach in etwa dem aus Jennewitz kommenden Landweg, der Alten Dorfstraße bis zur "Bäckerkreuzung" und dann, leicht rechts abbiegend, in Richtung Stülow. Im Ortszentrum von Reddelich lässt sich die genaue Wegführung heute nicht mehr nachvollziehen. Südlich der B 105 wird diese von den Bahngleisen und der Straße nach Glashagen unterbrochen, ist aber noch zu erkennen. Ab der Büdnerei 26 führt eine vernachlässigte, nur noch als Wanderweg nutzbare, Strecke nach Stülow. An der Gemarkungsgrenze zu Stülow zeugt noch heute eine augenscheinlich sehr alte Steinbrücke von der früheren Bedeutung des Weges. Diese Strecke wurde auch in das Projekt Hanseatenweg aufgenommen. Darüber hinaus kreuzten in Reddelich Wege nach Glashagen und Steffenshagen diese Route.

Nach den verwaltungstechnischen Reformen in der Mitte des 16. Jahrhunderts wurden zunehmend schnelle Direktverbindungen zwischen den Ämtern und der Landeshauptstadt Schwerin notwendig. Als sogenannte Communicationswege wurden solche für Postwagen und Meldereiter angelegt. Diese Routen bilden im Großen und Ganzen das heutige Bundesstraßennetz. Die Verbindung zwischen Wismar und Rostock führte zwar durch die Reddelicher Feldmark, jedoch südlich an der Ortslage vorbei. Den Reddelicher Bauern half dieser Weg zunächst recht wenig. Doberan und Kröpelin waren nicht ihre vorrangigen Ziele. Wenn sie Reddelicher Territorium verließen, dann hauptsächlich um ihren Verpflichtungen zu Hand- und Spanndiensten auf den umliegenden Gütern nachzukommen oder ihr Korn zum Mahlen in eine der umliegenden Mühlen zu bringen.

Erst nach ihrem Ausbau zu einer Chaussee ab 1842 ist die heutige B 105 zur bedeutendsten Verkehrsader der Reddelicher geworden. Das Dorf wurde danach buchstäblich an die Chaussee herangebaut und später auch darüber hinaus erweitert. Der Wegfall der Frondienste und der Zwang zum Geldverdienen sorgten für völlig neue Abläufe auch auf den Reddelicher Bauernhöfen. Das Ende der ruhigen, mecklenburgischen Beschaulichkeit zu Leibeigenschaftszeiten mit den klaren Weisungen und festen Versorgungsansprüchen, dürften wohl vielen wie ein Stich ins Wespennest erschienen sein. Da kam die befestigte Chaussee, wie die Kunststraßen nun genannt wurde, nicht nur Fernreisenden gerade Recht. Die Märkte von Doberan und Kröpelin waren fortan die Orte, an dem die Reddelicher ihre Erzeugnisse zu Geld machen mussten.

Ein starkes Indiz für den Bedeutungsverlust der alten Handelsstraße ist der Umzug des Schmiedes und Gastwirtes Rosz im Jahr 1889. Bis dahin betrieb er seine Schmiede und Gastwirtschaft – eine früher nicht ungewöhnliche Kombination – in der Büdnerei 3/4 am Weg Richtung Jennewitz. 1889 kaufte er das ehemalige Chausseewärterhaus, geführt als Häuslerei 20, um seine Schmiede und Gastwirtschaft dort weiter zu betreiben. So etwas tut ein Mecklenburger nicht ohne triftigen Grund! Dieser dürfte hauptsächlich in der ausbleibenden Kundschaft, am Dorfrand an einem mittlerweile wenig befahrenen Weg, gelegen haben.

Ein weiterer, für die Reddelicher Bauern weitgehend bedeutungsloser Weg aus dieser Zeit war der sogenannte Schwarze Weg. Das war eine Direktverbindung zwischen dem Forsthof in Hundehagen und dem Retschower Forst. Dieser Weg wurde jedoch um die Jahrtausendwende eingezogen. Zwischen den Bahngleisen und dem Retschower Wald wächst heute eine Wildhecke auf der Fläche des ehemaligen Weges. Nördlich der B 105 ist eine, nur mit geländegängigen Fahrzeugen befahrbare, Zufahrt in den Hundehäger Wald übrig geblieben.

Was ich hier so mit leichter Feder als Straßen und Wege bezeichnet habe, dürfte den heutigen Reisenden die Haare zu Berge stehen lassen. Bevor ich zu spekulieren beginne, lasse ich lieber einen zeitgenössischen Autor des beginnenden 19. Jahrhunderts zu Wort kommen:


Aus: Geograhisch- statistisches Handbuch Mecklenburg, Gustav Hempel, 1837

Im 19. Jahrhundert haben sowohl Reddelich wie auch Brodhagen einen bedeutenden Wandel in der Bedeutung der Wegeführung erfahren. Mit dem Bau des Bahnhofs bekam Reddelich eine regionale Bedeutung als zentraler Anlaufpunkt zur Güterverladung und für den Reiseverkehr der Bewohner der umliegenden Dörfer. Mit diesen hatte Reddelich mittlerweile direkte Wegverbindungen.

Eine völlig veränderte Wegeführung spiegelte in Brodhagen die Veränderungen im 19. Jahrhundert wieder. Ein paar Gehöfte in loser Bebauung an einer Wegschleife von Doberan, ohne Direktverbindung zu seinen Nachbarn gab es um 1790. Diese führte als Abzweig des Weges Doberan – Vorder Bollhagen in den Ort und auf Höhe des Abzweiges nach Steffenshagen, den es damals noch nicht gab, nach links durch den Kellerswald wieder nach Doberan. Die Streckenführung bis zur Dorfmitte dürfte in etwa der heutigen entsprochen haben. Den Abschnitt von der Dorfmitte an der Domänengrenze entlang durch den Kellerswald nach Doberan gibt es heute nicht mehr. Eine Direktverbindung zwischen Brodhagen und Reddelich hat es im ausgehenden 18. Jahrhundert augenscheinlich genauso wenig gegeben, wie nach Steffenshagen. Lediglich der gegenwärtig, durch eine fehlende Bachquerung, unpassierbare Weg nach Vorder Bollhagen ist als Direktverbindung nach Hinter Bollhagen eingezeichnet und kreuzte den noch heute bestehenden Weg zwischen Steffenshagen und Vorder Bollhagen.
Um 1900 war Brodhagen in die drei Teile angelegt, die wir heute kennen: das Gut, das Dorf und die Kalkbrennerei. Der Weg zur heutigen B 105 war angelegt wie auch der Wanderweg entlang des Bachlaufes, eine direkte Verbindung mit Reddelich, die damals auch mit Pferdefuhrwerken befahren wurde. Der zeitgenössische Weg nach Steffenshagen verlief allerdings von der Büdnerei “Matschke” nach Ober-Steffenshagen und existiert heute nicht mehr. Die derzeitige Verbindung beider Dörfer ist zu LPG-Zeiten angelegt worden.

Eine Wegebezeichnung, die man in vielen Orten ganz Deutschlands findet, ist der Kirchsteig. Der regelmäßige Kirchgang war für unsere Vorfahren ein unbedingtes Muss. Wer dabei an welchen Gott glaubte, war, wie heute auch, eine ganz persönliche, intime Angelegenheit. Mindestens eben so wichtig war das "Sehen und Gesehenwerden", als sozialer Kontakt. Nun hatte aber nicht jedes Dorf eine Kirche und die Entfernungen im Kirchspiel waren nicht ganz Ohne. Bequem waren unsere Vorfahren mindestens genauso wie wir – was Wunder bei nahezu identischer genetischer Ausstattung. So wie wir heute dazu neigen, für eine Abkürzung von 4 Metern einen Trampelpfad über jede Rasenfläche anzulegen, nutzten die Kirchgänger jede sich bietende Abkürzung. Für Reddelich bedeutete dies, dass die Stülower auf ihrem Weg zur Steffenshäger Kirche Reddelich links liegen ließen. Ob das die Basis für das geflügelte Wort: etwas oder jemanden "links liegen lassen" war, lasse ich mal lieber unbeantwortet. Der gerade Pfad von der Wegbiegung der früheren Haupt-"Straße" hinter der Retschower Gemarkungsgrenze, in nahezu gerader Linie auf den Steffenshäger Weg an der Nordwestgrenze Reddelichs, verfestigte sich über die vielen Jahre seiner Nutzung zum Kirchsteig. Während andernorts Kirchsteige als öffentliche Wege Einzug in die Grundbücher hielten, erkennt man den Reddelicher in der aktuellen Flurkarte lediglich als Flurstücksgrenzen mitten im Acker. Auch für Brodhagen ist auf der obenstehenden Flurkarte von 1872 ein Kirchsteig nach Steffenshagen eingezeichnet.

Fazit

Wir Reddelicher und Brodhäger freuen uns darüber, nah an der Natur zu leben. Rein wissenschaftlich betrachtet leben wir allerdings in einer Parklandschaft. Im Gemeindegebiet gibt es keinen Quadratmeter Boden, der noch nicht von Menschenhand bewegt wurde. Leider bleibt zu konstatieren, dass bei der Gestaltung unseres "Parks" zunehmend Menschen das Sagen haben, deren Lebensmittelpunkt nicht in Reddelich oder Brodhagen liegt.

Ob wir nun in einer Parklandschaft leben oder nicht, mag eine akademische Frage sein. Niemand ist gezwungen, seine Umwelt wissenschaftlich zu betrachten. Veränderung war immer und wird immer sein. Das wussten die Menschen vor 2000 Jahren auch schon. Mit der genial einfachen Formel: Panta rhei, alles fließt, beschrieben altgriechische Philosophen die Welt. Der Rest ist Ansichtssache.

Unsere Vorfahren sind, bis in das 19. Jahrhundert hinein, noch davon ausgegangen, dass die Veränderungen in der Umwelt gemächlich fließen. Vielleicht haben sie es deshalb nicht für wichtig erachtet, die Topografie Reddelichs und Brodhagen zu dokumentieren. Die exponentiellen Veränderungen der Neuzeit konnte niemand vorhersagen. Dabei leben wir in Reddelich und Brodhagen noch recht beschaulich. Nichts deutet darauf hin, dass hier in absehbarer Zeit kilometertiefe Löcher in die Erde gebuddelt werden. Unwahrscheinlich ist auch, dass in unserer Heimat nukleare Träume von billiger Energie – im wahrsten Sinne des Wortes – zerplatzen und die Region auf lange Zeit unbewohnbar machen. Selbst bei Anstieg der Meerwasserspiegel bleibt uns reichlich Zeit zu reagieren.

So wollen wir es genießen, in einer der schönsten Regionen der Welt zu leben und bei Eingriffen in die bestehende Topografie immer das erforderliche Augenmaß behalten.

Anhang

Artikel aktualisiert am 21.04.2020