Wohnungspolitik der Gemeinde

Eine wichtige Aufgabe der Gemeindevertretungen im Zeitraum nach dem Krieg bis zur Wende war die Wohnraumlenkung. Wer wo wohnen durfte entschied die Gemeinde, unabhängig von den Eigentumsverhältnissen. Es waren oft schwierige Entscheidungen und es machte Sinn, diese einem gewählten Gremium zu übertragen.

Die Jahre um 1945 waren eine Ausnahmesituation. Es galt viele Kriegsflüchtlinge zu integrieren. Die Einwohnerzahlen verdoppelten sich zeitweise. In Reddelich wurde der Höchststand im Dezember 1945 erreicht. danach wurde der Wegzug größer als der Zuzug. Für die Einheimischen hieß es damals "zusammenrücken", ob es ihnen passte oder nicht. Solche Situationen bergen viel sozialen Sprengstoff in sich.

Im August 1945 wurde in Reddelich der Höchststand an Einwohnern erreicht. Danach ging die Zahl stetig zurück. Gründe waren zum einen die höheren Sterberaten im Vergleich zu den Geburtsraten und zum anderen gab es mehr Weg- als Zuzüge. 1948 lag die Einwohnerzahl von Reddelich bei 661 Personen, wie der damalige Bürgerweister, Wilhelm Rowoldt, in seinem Bericht festhielt. Von diesen waren 273 Frauen, 2013 Männer und 175 Kinder unter 14 Jahren. Alldiese Menschen lebten in den 111 Wohnungen der Gemeinde Reddelich. Die Zahl der Haushalte betrug 231. Jeder Einwohner Reddelichs hatte im statistischen Mittel 6,6 m² Wohnraum zur Verfügung.

In den ersten Nachkriegsjahren wurde in Reddelich kaum neuer Wohnraum geschaffen. Wie in allen Dörfern Mecklenburgs tendierte der Wohnkomfort in Richtung primitiv, nach heutigen Maßstäben. Reddelich war wenigstens schon elektrifiziert. Begriffe wie WC, Bad, Dusche, trinkbares Leitungswasser etc. waren für die meisten Dorfbewohner Science-Fiction. Beheizt wurden Wohnräume und Kochstellen mit allem, was an Brennbarem gerade verfügbar war. Eine systematische Brennstoffversorgung gab es in den ersten Kriegsjahren nicht und später nur auf Bezugsscheinen, sogenannten Kohlenmarken. Die stetige Verbesserung dieser Verhältnisse zog sich als eine gesellschaftliche Hauptaufgabe durch die gesamte DDR-Zeit.

Antwortschreiben des Präsidialamtes auf die Bürgereingabe zu Wohnungsangelegenheiten einer Reddelicher Familie

Viele Einzelbeispiele für die damalige Wohnsituation finden sich in den Kapiteln dieser Publikation. Auch die Protokolle der Versammlungen von den Gemeinderäten und -vertretungen sind ein Fundus für jeden Interessierten. Ein besonderes Zeitzeugnis sind die Eingaben an politische Amtsträger bis in die Staatsführung der DDR. Diese wurden sehr ernst genommen und haben oft etwas bewirkt. So gab es auch in Reddelich Beschwerdeführer, die sich in ihrer Not direkt an den Präsidenten der Republik wendeten. Das Präsidialamt griff zwar nicht direkt in das Beschwerdeverfahren ein, baute aber Druck bei den Behörden auf. Wie das nebenstehende Beispiel (Bild) zeigt drängte das Präsidialamt auf zügige Bearbeitung der Eingaben und forderte Rechenschaft über die Ergebnisse.

In den 1960er Jahren entspannte sich die Wohnsituation in der Gemeinde allmählich. Die Gründe dafür lagen in der Verringerung der Einwohnerzahl aber auch in der Schaffung neuen Wohnraumes, wie die 4 WE (Wohnungseinheit) Blöcke in Reddelich und Brodhagen. Diese werden im allgemeinen Sprachgebrauch noch heute als Neubaublöcke bezeichnet.

Die allgemeine Stadtflucht war auch in der Gemeinde Reddelich zu spüren. In den umliegenden Städten entstanden neue Wohngebiete mit deutlich verbessertem Wohnkomfort. Dazu zählten der Buchenberg in Bad Doberan und der Wedenberg in Kröpelin. Die Zuweisung in eine Wohnung dort war ein Glückstreffer, den nur die wenigsten Familien ablehnten. Selbst die Sogwirkung der Stadt Rostock reichte bis Reddelich. Einwohner, die dort arbeiteten überlegten nicht lange, wenn sie eine Chance auf einen begehrten Zuzugsschein nach Rostock bekamen. So ging die Zahl der Einwohner in der Gemeinde Reddelich bis zum Tiefpunkt 1975 auf rund 500 zurück. 1950 hatten Reddelich und Brodhagen noch rund 850 Einwohner.

Um 1975 setzte eine Trendwende ein. Die dörfliche Infrastruktur verbesserte sich zusehends. Die Unterschiede zwischen Stadt und Land wurden kleiner. In den Städten wurden die Kehrseiten der Urbanisierung wie Straßenlärm und Umweltverschmutzung als Minderung der Wohnqualität gesehen. Das waren Gründe, die den Stop der Landflucht bewirkten. Die Einwohnerzahl der Gemeinde Reddelich stabilisierte sich und stieg sogar leicht an. Der Anstieg wurde nun nicht mehr durch Zusammenrücken kompensiert, sondern durch neuen Wohnraum. Zögerlich begann der Bau von Eigenheimen in der Gemeinde.
Auch wenn bis 1990 eine kontinuierliche Verbesserung der Wohnraumsituation stattfand, es blieb im Grunde eine Verwaltung des Mangels. Die Wohnungspolitik der DDR als staatlich-soziale Gemeinschaftsaufgabe konnte ihren Bürgern zwar irgendwie ein Dach über dem Kopf sichern, aber für einen, der Zeit angemessenen Wohnkomfort für alle, reichte es nicht. In Reddelich und Brodhagen wirkt diese Politik noch heute nach. Selbst genutztes Wohneigentum ist die dominierende Form des Wohnens in der Gemeinde.