1963: Reportage über Reddelich

Die DOBERANER ZEITUNG (DZ) brachte im Januar 1963 eine recht umfangreiche Dokumentation über die Gemeinde Reddelich heraus:


Plan der Gemeinde Reddelich

Aufmacher des Artikels in der Doberaner Zeitung

I. – Wir alle wollen mithelfen, daß unsere Gemeinde, die an der Transitstraße liegt, ein gutes Bild im Kreis Bad Doberan gibt. Hierzu ist folgendes nötig:

  • Der Chausseegraben zwischen Glashäger Weg und Bahnhofstraße wird mit Rohren ausgelegt und zugeschaufelt und ein Bürgersteig neu hergerichtet.
  • Die hölzerne Wartehalle wird durch ein massives Häuschen ersetzt.
  • Alle Gärten an der Straße werden sauber gepflegt und die Zäune und Hecken in Ordnung gebracht.
  • Die Felder müssen sauber und ordentlich bestellt werden und vor allen Dingen unkrautfrei bleiben.
  • Die Jauche gehört auf die Weiden und nicht, wie üblich, auf die Dorfstraße. Die LPG versichert, daß die Jauche aufgefangen und der Dung ordnungsgemäß gelagert wird.
  • Die Gräben an den Wegen müssen aufgemacht werden, damit die Wege trockener werden, ebenfalls müssen die Vorflutgräben gesäubert und die Dränagen in Ordnung gebracht werden.
  • Um die Brandschutzbestimmungen einzuhalten, wird ein Aktiv "Junger Brandschutzhelfer" gebildet.

II. – Um eine bessere Versorgung der Bevölkerung zu gewährleisten, sind folgende Aufgaben zu verwirklichen:

  • Es muß in allen LPG eine richtige Fruchtfolge eingerichtet werden.
  • Ein Plan zur Hebung der Bodenfruchtbarkeit muß vorhanden sein.
  • Der sozialistische Wettbewerb ist auf allen Gebieten durchzuführen.
  • Jeden Quadratmeter Boden gilt es voll auszunutzen.
  • Die Obstbäume müssen durch einen Schnitt verjüngt werden, das Obst ist sorgfältiger zu ernten und auf den Markt zu bringen.
  • Die ablieferungsfreien Betriebe und Haushaltungen werden fünfzig Schweine mehr halten und einen Teil davon an den VEAB abliefern. Ferkel werden von beiden LPG der Bevölkerung zur Verfügung gestellt.
  • Jeder Geflügelhalter verpflichtet sich, drei Hühner mehr zu halten.

III. – Unser Ziel ist, den LPG zusätzlich Arbeitskräfte zu besorgen und damit die Arbeit mit eigenen Kräften aus der Gemeinde zu bewältigen.

  • Die Baracke für den Kindergarten wird bis zum 1. April aufgestellt sein und der Kindergarten am 1. Mai in Betrieb genommen werden. Hierdurch kann manche Frau in der Landwirtschaft helfen.
  • Ferner wird vom Rat der Gemeinde und der Nationalen Front ein Jugendförderungsplan ausgearbeitet: Froh und kulturvoll leben

IV. – Der Dorfklub, die Freiwillige Feuerwehr und die FDJ werden eine Laienspielgruppe aufbauen.

  • Der LPG-Vorstand, die Ständigen Kommissionen für Volksbildung und Landwirtschaft werden gemeinsam mehr Genossenschaftsbäuerinnen und -bauern für die Qualifizierung gewinnen.
  • Die Gemeindebibliothek wird einmal in der Woche abends geöffnet sein, um allen Werktätigen die Möglichkeit zu geben, Fach- und schöngeistige Literatur zu lesen.
  • Der Sportplatz wird neu hergerichtet, und die Sportgeräte werden angeschafft.

V. – Jeder Bürger, besonders die gewählten Vertreter, tragen für das gesamte Geschehen in der Gemeinde die volle Verantwortung. Man muß alle Einwohner dafür gewinnen, daß sie sich für die Steigerung der Produktion voll einsetzen.

  • Es dürfen keine Mängel auf den Feldern und in den Ställen Vorkommen. Falls dieses der Fall sein sollte, sind diese sofort zu beseitigen oder dem LPG-Vorstand bzw. dem Rat der Gemeinde zu melden.

Optimismus – Tatendrang – Zuversicht

… unter diesem Motto fragte die DZ zum Jahresende 1963 in Reddelich nach, was aus dem Plan geworden ist. Zuerst stellten die Redakteure, mit leichtem Erstaunen fest, dass der Plan fast allen Reddelichern bekannt war, mit denen sie gesprochen hatten. Eine gute und wichtige Voraussetzung zur Umsetzung der dort paraphierten Punkte.

Eine ganze Spalte war der DZ das Schicksal einer maroden Scheune hinter der Reddelicher Schule wert. Diese sollte durch einen vernünftigen Schuppen ersetzt werden. Zu deren Meinung über dieses Projekt befragte die DZ den Bürgermeister, eine Lehrerin, stellvertretend für die Dorfjugend einen Lehrling sowie einen ortsansässigen Transportpolizisten. Dieser hatte zwar schon mal etwas von der Gemeindeplanung gehört, konnte aber nichts Konstruktives beitragen. »Was soll ich mitmachen im Dorf, ich wohne doch nur hier« war seine ehrliche Aussage.

Einen Absatz widmete die DZ den Planungen für die Frühjahrsbestellung 1964. Feldbestellung und Ernte war damals eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Landwirtschaft war der Haupterwerbszweig für die Dorfbevölkerung und die Stadtbevölkerung hatte noch deutlich in Erinnerung, was echter Hunger ist. Wie es damals üblich war, strotzte der Artikel von Begriffen wie: "sozialistischer Wettbewerb", "Planübererfüllung" oder "Geldprämien".

Paul Mariefeldt

Am Ende ihres Streifzuges durch Reddelich kehrten die Redakteure in die Bäckerei von Paul Marienfeldt ein. Von Interesse waren nicht etwa die leckeren Backwaren aus dem Hause Marienfeldt. Das Interesse galt seiner individuellen Viehzucht. Die Ankündigung, statt wie bis dato zwei Mastschweine künftig vier abzuliefern, fand regen Zuspruch: »Einmal nützt er sich selbst, denn das Abliefern von Mastschweinen ist auch für die "Aufbesserung seiner Finanzen" vorteilhaft. Zum anderen nützt er damit auch der Bevölkerung.«

Die ersten Schritte in Reddelich

… so lautete die Fortsetzung der Dokumentation über Reddelich in der DZ von 1964:

Feiner Regen geht unaufhörlich nieder – kein schöner Frühlingstag, kein Wetter für die Frühjahrsbestellung. Im Brigadestützpunkt der LPG Reddelich sind die Traktoristen dabei, Reparaturen auszuführen, einen Hanger zu überholen. Was sollen sie auch sonst tun? Unablässig tropft der Regen gegen die Werkstattscheiben, gegen die sich wütende Blicke der Traktoristen richten. Ab und an ein halblaut ausgestoßener Fluch „Verdammtes Sauwetter“. Dabei drängt die Zeit, die Saat soll in den Boden. Auf 40 Hektar Kohlfläche ist noch die Saatfurche zu ziehen.

Da sitzen oder stehen sie, hämmern, bohren oder schmieden, anstatt mit ihren Traktoren die Runden auf dem Acker ziehen zu können. Zwei von ihnen, Rudi Hass und Herbert Keil, sind Mitglieder der kürzlich gegründeten Spezialistengruppe. Sie haben die Verantwortung, daß die Saat ordentlich in den Boden kommt, daß gute Erträge geerntet werden. Und dann dieses Wetter. Man kann verstehen, daß sie auf „Petrus" nicht gut zu sprechen sind. „Ja, wenn wir das Wetter bestimmen könnten“, meint Herbert Keil, dann wären wir schon draußen und drillten. Ich säße lieber auf meinem Traktor als hier auf dem Gestell des Hängers"

Im LPG-Büro nicht minder schwüle Stimmung. „Bring uns lieber gutes Wetter“, ruft mir einer entgegen, „damit wir mit dem Drillen beginnen können.“ Siegfried Warnke, der Feldbaubrigadier Jürgen Reimer, der Vorsitzende’ und Hans Strey, der Buchhalter sitzen hier zusammen und überlegen, wie bei Wetterbesserung sofort durch Einsatz aller Mittel die Bestellarbeiten in wenigen Tagen beendet werden können

Eine Spezialistengruppe für den Getreideanbau gibt es ja, ihr gehören außer Rudi Hass und Herbert Keil noch die Genossenschaftsbauern Wiedenberg und Gastmeier an.

Jürgen Reimer rechnet: "Außer den Traktoristen stehen uns die beiden neuausgebildeten Schichtfahrer, ein Genossenschaftsbauer aus dem Feldbau, Lüdtke, du Siegfried und der Mechaniker als Fahrer zur Verfügung. Das müsste reichen, die Saat in vier, fünf Tagen in die Erde zu bekommen, auf alle Fälle arbeiten wir in Schicht. Reichen der Dreierzug und die übrigen Maschinen nicht aus, setzen wir die Gespanne mit ein.“

„Zwanzig Hektar am Tage müssten wir schaffen,“ meint Siegfried Warnke, und Weizen bauen wir fünf Hektar mehr an, der bringt uns mehr als Hafer.“ Nachdem der Ablauf der FrühJahrsbestellung nach den Vorschlägen der Spezialistengruppe besprochen ist, will ich mehr über dieses neue Gremium wissen.

Jürgen Reimer sagt mir: „Die Parteiorganisation schlug dem LPG-Vorstand, in Auswertung des III. Deutschen Bauernkongresses vor, Spezialistengruppen für den Getreideanbau, die Viehwirtschaft, Kartoffelanbau und Kohlanbau zu bilden. Die erste Gruppe steht, und es muß sich in der Zukunft zeigen, ob die Zusammensetzung die richtige ist. Wir haben noch keine Erfahrungen auf diesem Gebiet. Wir hatten zwar einzelne Spezialisten, die für bestimmte Kulturen verantwortlich waren, aber Spezialistengruppen sind etwas vollkommen anderes für uns. Wir wissen aber, daß diese Gruppen die Voraussetzung schaffen, höhere Erträge zu erreichen. Und nicht von ungefähr ist der Genossenschaftsbauer Gastmeier Mitglied der Spezialistengruppe, in der LPG arbeitet er als Maurer, aber seit 1956 ist er beim Drillen dabei, er istein alter Hase‘ auf dem Gebiet auf den wir uns verlassen können.

Ein Anruf unterbricht unser Gespräch. Für die Osterfeiertage werden mehrere Tonnen Dünger angemelde, die entladen werden sollen So sieht es aus, bei uns.“ sagt Jürgen Reimer, aber was sein muß sein, wir brauchen den Dünger dringend da können wir nicht danach sehen, was das für ein Tag ist. Bei der Frühjahrsbestellung ist es nicht anders. Auf die Uhr schauen ist dann vorbei, dann heißt es, sobald der Boden es erlaubt, rauf mit den Maschinen und solange gedrillt, bis das letzte Korn im Boden ist.

Siegfried, geh’ doch bitte und sage Herbert Keil wegen des Düngerabfahrens Bescheid.“


Artikel aktualisiert am 03.08.2019