1891: Großfeuer in Reddelich

Ein Großfeuer vernichtete am 28. April 1891 die Wohn- und Wirtschaftsgebäude der Hufe VI (Westendorf/Brinkmann), die sich im Dorfzentrum befanden. Der Aufbau der Gebäude erfolgte inmitten der Feldmark an dem Weg nach Glashagen. Aus dem Grundstück im Dorf entstanden die Büdnerei 17 (Westphal) und die Häuslerei 22 (Susemihl).

Der junge Spritzenverband hatte mit diesem Großbrand im Ortszentrum eine gewaltige Bewährungsprobe zu bestehen. Dieser war wahrscheinlich auf fahrlässige Brandstiftung zurückzuführen. Natürlich konnte eine Handspritze gegen solch ein Feuer nichts ausrichten. Da ging es vorrangig um Rettung von Mensch und Vieh sowie um Schutz der nicht brennenden Gebäude in der Nachbarschaft.

Über diesen Brand berichtete die Dorfzeitung Raducle in der Ausgabe 14 in einem Artikel:

Der Großbrand von 1891

von Klaus Kretschmann, Oktober 2011

Am Abend des 27. April 1891, einem Montag, erreichten zwei aus Doberan kommende Bettler Reddelich. Ein schöner Frühlingstag neigte sich seinem Ende entgegen. Tagsüber waren die Temperaturen in Mecklenburg auf 14° C gestiegen, fielen in der darauffolgenden Nacht allerdings auf bis zu 3° C ab. Es regnete nachts nicht, was sich in den frühen Morgenstunden des nächsten Tages als sehr verhängnisvoll erweisen sollte.
Die beiden Bettler klopften an die Türen der Reddelicher Einwohner und baten um Essen oder eine kleine Gabe. Vermutlich dürfte ihre Ausbeute bescheiden geblieben sein. Nach dem langen Winter waren die umliegenden Felder zwar für die neue Ernte bestellt, aber die Vorratskammern leerten sich langsam. Haushalten war angesagt.
In der Nacht nahmen sich die beiden Bettler schließlich ein Lager in einer Scheune oder in einem Stall in der Nähe des Gehöftes des Erbpächters Kruth an der Straße von der Ortsmitte in Richtung Hundehagen. Erbpächter war damals eine Bezeichnung für die späteren Bauernstellen.

Gegen 3:00 Uhr wurden die Reddelicher plötzlich durch die Rufe "Feuer, Feuer …!" unsanft aus ihrem Schlaf gerissen. In der Scheune des Erbpächters Kruth war ein Brand ausgebrochen, der sich mit enormer Kraft auf das der Straße gegenüberliegende Gehöft des Erbpächters Barten und danach auch auf die Gehöfte der Erbpächter Peter Baade und Westendorf ausdehnte.

Die Mecklenburgische Zeitung berichtete am 29. April 1891, dass bei einem Erbpächter (Kruth) 7 Pferde und sämtliche Kühe verbrannten. Außerdem habe ein Mann bei dem Löschen erhebliche Brandwunden erlitten. Die Männer vom 10 Jahre zuvor gegründeten Reddelicher Spritzenverein werden in den Zeitungsberichten nicht erwähnt. Wir wollen aber annehmen, dass sie gemeinsam mit den Einwohnern mit ihren relativ bescheidenen Mitteln aufopferungsvoll dem Flammeninferno entgegentraten. Letztendlich konnten eine Scheune und mehrere Stück Vieh gerettet werden.

Bleibt die Frage nach der Ursache des Brandes. Fest steht, dass gleich nach dem Feuer die Vermutung einer Brandstiftung geäußert wurde. Die beiden Bettler waren in dieser Nacht am Brandort gesehen worden und der Verdacht richtete sich natürlich sofort gegen die beiden. Hatten sie vielleicht das Feuer vorsätzlich gelegt, weil sie am Abend zuvor von den Reddelichern beim Betteln zu oft abgewiesen wurden? Oder wollten sie sich in der Nacht bei den schon erwähnten niedrigen Temperaturen an einem offenen Feuer erwärmen und hatten dabei fahrlässig den Brand verursacht? Jedenfalls erließ der Erste Rostocker Staatsanwalt am 30. April 1891 ein Fahndungsersuchen. Darin hieß es:

… Der Brandstiftung verdächtig sind zwei Reisende, …, welche am Abend des 27. April von Doberan kommend in Reddelich gebettelt haben und bei dem erst gegen Morgen aufgegangenem Feuer in auffälliger Weise gesehen worden sind …

Inwieweit sich der Verdacht der Brandstiftung später bestätigte, ist nicht bekannt. Die Gerichtsakten aus dieser Zeit in Rostock und in Kröpelin sind bisher archivmäßig nicht erschlossen.

Auf dem vom Großbrand betroffenen Areal in der Alten Dorfstraße befinden sich heute das Grundstück Kruth und auf der gegenüberliegenden Seite der Straße das Anwesen der Familie Susemihl, das ehemalige Grundstück Westphal und die nach dem Brand neu erbaute ehemalige Villa Barten, heute als Mehrfamilienhaus im Besitz der Familie Schütt. In der Zwischenzeit sind außerdem mehrere neue Häuser auf diesem geschichtsträchtigen Areal erbaut worden.
[Quelle: Universitätsbibliothek Rostock]

Artikel aktualisiert am 12.04.2020