Entwicklung der Landwirtschaft zwischen den Weltkriegen

Von Ulf Lübs

Für die Landwirtschaft waren die Jahre zwischen den Weltkriegen eine Zeit des technischen und technologischen Fortschritts. Viele Erfindungen zur Arbeitserleichterung und Effizienzsteigerung wurden gemacht. Der Bedarf war mindestens genauso riesig wie der Aderlass an jungen, kräftigen Männern im I. Weltkrieg. Für die Bauern Mecklenburgs brach die wohl rosigste Zeit ihrer Geschichte an. Wer von ihnen Unternehmergeist besaß und sich den neuen technischen Möglichkeiten nicht verschloss, konnte zu passablem Wohlstand gelangen.

Viele Bauern verstanden es auch, die Hyperinflation bis 1923 zu ihrem Vorteil zu nutzen. Zum einen produzierten sie kontinuierlich ein immer nachgefragtes Produkt: Nahrungsmittel. Durch geschicktes Wirtschaften damit, ließ sich die Krise besser aussitzen, als bei Lohnempfängern. Zum anderen wurden sie Kredite für ihre Gebäude aus dem Bauboom zwischen 1871 und 1914, durch die irrationale Geldentwertung, schlagartig los. Ein Freund von mir erinnerte sich an eine Geschichte, die sein Großvater – ein Bauer aus der Region – oft und süffisant erzählte: Dieser ließ um 1910 eine Scheune und einen Kuhstall bauen. 1923 ging er zu seinem Sparkassendirektor, zahlte den Kredit mit einem 100-Millionen-Schein, den er zuvor für eine Stiege Eier bekommen hatte, zurück. Als Trinkgeld gab er dem Direktor noch eine Kiste Zigarren dazu und war fortan schuldenfrei.

Die wohl gravierendste technische Neuerung aus dieser Zeit ist der Einsatz von Traktoren. Damit fiel auch der letzte Hemmschuh bei der Mechanisierung der Landwirtschaft – die Zugkraftbegrenzung durch die Muskelkraft der eingesetzten Pferde. Die Entwicklung immer kompakterer und leistungsfähigerer Dieselmotoren machte diese Entwicklung mobiler Arbeitsgeräte möglich. in der Folge wurden auch die Anbaugeräte für die Traktoren angepasst und immer leistungsfähiger. Wo in Süddeutschland in den 1930er Jahren bereits die ersten Mähdrescher zum Einsatz kamen, muss man für Reddelich und Brodhagen konstatieren, wie in ganz Mecklenburg, dass alt und neu sehr lange in friedlicher Koexistenz nebeneinander existierten. In Brodhagen sind uns keine Informationen über progressives Wirtschaften bekannt. Ganz anders jedoch in Reddelich.

Ein Beispiel für innovatives Wirtschaften in Reddelich ist die Hufe III der Familie Barten. Diese begann nach dem Ersten Weltkrieg die Umstellung ihres Bauernhofes auf Kohlanbau . Das war und ist eine sehr anspruchsvolle, aber auch sehr lukrative Technologie. Anfang der 1920er Jahre investierte er in eine Kohlscheune, die bis in die 1990er Jahre ein markantes Gebäude Reddelichs war. Die ca. 60 Meter lange Lagerhalle war zur Transporterleichterung mit Schienen für Lorenwagen ausgerüstet. Für professionellen Kohlanbau ist Bewässerung unerläßlich. Dazu installierte Familie Barten in den 1930er Jahren eine damals hochmoderne Anlage. Die Moehlenbäk floss auch damals schon durch den Hof Barten. Bauer Barten ließ dort ein Stauwehr errichten und ein Speicherbecken bauen. Aus diesem zog eine leistungsfähige Pumpe das Wasser und drückte es durch unterirdisch verlegte Leitungen zu den Verteilern auf seinem Acker. An diese wurden die Regner angeschlossen.

Über die Wirtschaftsweise der anderen Bauern und Büdner aus Reddelich ist uns wenig bekannt. Das muss aber nicht zwangsläufig mangelnde Innovationsfreudigkeit bedeuten. Möglichkeiten waren vorhanden und jeder wird sie nach seinen Möglichkeiten genutzt haben.

Artikel aktualisiert am 31.07.2019