1944: Tieffliegerangriff in Brusow

von Reinhold Griese

Es war an einem Sonntag Ende Juli oder Anfang August während des II. Weltkrieges im Jahre 1944. Wir saßen in der Schuhmacherstube beim Mittagessen: Großvater, Großmutter, Vater Mutter und ich. Ich erinnere mich sehr genau: Zum Nachtisch gab es Kirschsuppe aus frischen Sauerkirschen mit Mehlklütern (Schlemmklößchen). Aus dieser Tatsache ergibt sich für mich die feste Annahme, dass folgendes Ereignis nicht im Frühjahr sondern im Sommer 1944 stattfand.

Als wir also unsere Kirschsuppe löffelten, kam der Mittagszug aus Wismar in Höhe von Brusow dem Reddelicher Bahnhof näher. Gleichzeitig hörten wir Flugzeuge mit lautem Gebrumm und Getöse verbunden mit einer wilden Schießerei aus Bordwaffen. Sie flogen im Tiefflug über Reddelich hinweg. Zuerst nahmen wir an, dass es ein Übungsverband der deutschen Luftwaffe war. Neugierig wie ich war stürmte ich ans Fenster. Ein Flugzeug flog so tief über unser Haus hinweg, dass ich den Piloten in seiner Kanzel erkennen konnte. Was ich dort sah, versetzte mich so in Erstaunen und ich rief: »Das ist ja ein Schwarzer«. Meinem Vater wurde augenblicklich klar, dass es sich um amerikanische Tiefflieger handelte. Er nahm mich schnell beim Schopfe und drückte mich unter die Fensterbank, damit ich nicht getroffen würde, wenn die Flieger in unser Haus geschossen hätten. Wir und alle Bewohner Reddelichs hatten Glück. Es kam zu keinem Angriff auf unser Dorf.

Es dauerte gar nicht lange, da rückte die Reddelicher Freiwillige Feuerwehr aus. Es sprach sich schnell herum: Der Angriff hatte dem Personenzug gegolten. Die Reisenden – zumeist Frauen mit Kindern waren aus dem Zug in das nahe gelegene Grundstück des Büdners Luckwaldt geflüchtet, das von hohen Bäumen umstanden war, um dort Schutz zu suchen. Daraufhin schossen die Piloten das mit Schilfrohr gedeckte Wohnhaus und den Stall in Brand. Am späten Nachmittag fuhr dann mein Vater mit mir nach Brusow, um den angerichteten Schaden zu besehen. Als wir dort ankamen, waren die Löscharbeiten schon abgeschlossen. Der gesamte Dachstuhl war weg. Die verkohlten Deckenbalken dampften noch von der Hitze und dem Löschwasser. Vor dem Haus standen die Möbel und Hausrat, welches aus dem Haus gerettet wurde. Mein Vater kannte Herrn Luckwaldt gut und unterhielt sich mit ihm. Dieser war sehr optimistisch und meinte, dass er bald einen neuen Dachstuhl bekommen würde, was dann noch vor Wintereintritt geschah.

Der Tieffliegerangriff sollte eigentlich einer militärischen Einrichtung (Fliegerhorst) an der Ostseeküste gegolten haben, so wurde gemunkelt. Offensichtlich hatten die Flugzeuge noch Munition übrig und haben diese auf zivile Objekte verschossen. Das und die vielen Bombenangriffe auf große Städte haben bei der Bevölkerung natürlich großen Unmut, ja Hass auf die Angloamerikaner erzeugt. Dabei vergaß man oft, welche Verbrechen die faschistische deutsche Wehrmacht einschließlich der Luftwaffe in den okkupierten europäischen Ländern angerichtet hatten. Wir in Reddelich sind, wenn wir von denen absehen, die im Krieg geblieben sind – so auch mein Vater und jenen die ihre ursprüngliche Heimat verloren haben, glücklicherweise von den massiven Kriegseinwirkungen verschont geblieben. Daran sollten wir uns auch anlässlich des Beginns des von Deutschland ausgelösten II.Weltkrieges am 1. September Jahren erinnern.