1894: Durch das Militär wurde eine Manöverkarte der Region Doberan erstellt.

Die genaue Kartierung erlaubt einen guten Überblick über die damalige Topographie von Reddelich & Brodhagen. Wenn man diese Karte mit der Schmettauschen Karte von 1794 vergleicht, werden sofort die gravierenden Veränderungen der Topographie auffällig.

Der Kartenausschnitt einer Wanderkarte von 1905 am Ende des Artikels vermittelt wegen seiner klaren Strukturen einen schnellen Überblick.
Einen grundlegenden Wandel im 19. Jahrhundert kann man erkennen, wenn man die Wegeführung auf den Karten vergleicht, die wiederum eng mit den wirtschaftlichen Erfordernissen ihrer Zeit verknüpft waren.

Die neuen Anlagen der Bahn müssen an dieser Stelle nicht ausführlich erklärt werden. Die Einweihung im Jahr 1883 ist allgemein bekannt und die Geschichte des Reddelicher Bahnhofs im weiteren Verlauf innerhalb der Gemeindechronik dokumentiert. Wäre die Bahn in Karten vor 1800 eingezeichnet, müsste man wohl von Fälschungen ausgehen.

Einen bedeutenden Wandel in der Bedeutung der Wegeführung haben beide Dörfer im 19. Jahrhundert erfahren.
Für Reddelich ist die ehemalige Poststraße, nach Ausbau zu einer Chaussee ab 1842, zur bedeutendsten Verkehrsader geworden. Die Streckenführung entsprach in etwa der heutigen B 105. Während der Weg bis dahin an Reddelich vorbei führte, wurde das Dorf danach an die Chaussee buchstäblich herangebaut und später auch darüber hinaus. Ein starkes Indiz für die abnehmende Bedeutung des ehemaligen Hanseatenweges als Haupthandelsweg durch Reddelich ist der Umzug des Schmiedes und Gastwirtes Rosz im Jahr 1889. Bis dahin betrieb er seine Schmiede und Gastwirtschaft – eine früher nicht ungewöhnliche Kombination – in der Büdnerei 3/4 am Weg Richtung Jennewitz. 1889 kaufte er die Häuslerei 20, das ehemalige Chausseewärterhaus, um seine Gewerbe dort weiter zu führen. So etwas tut ein Mecklenburger nicht ohne triftigen Grund! Dieser dürfte hauptsächlich in der ausbleibenden Kundschaft, am Dorfrand an einem mittlerweile wenig befahrenen Weg, gelegen haben.

Mit dem Bau des Bahnhofs bekam Reddelich eine regionale Bedeutung als zentraler Anlaufpunkt zur Güterverladung und für den Reiseverkehr der Bewohner der umliegenden Dörfer. Mit diesen hatte Reddelich inzwischen Direktverbindungen.
Ein Weg, der nicht zentral nach Reddelich führte, war der sogenannte "Schwarze Weg", der vom Forsthof Hundehagen ausgehend den Hundehäger Wald mit dem Retschower Forst verband. Diesen Weg gab es 1790 noch nicht und heute gibt es ihn, wie auch den Forsthof, nicht mehr. Lediglich eine, nur mit geländegängigen Fahrzeugen befahrbare, Zufahrt von der B 105 in den Hundehäger Wald ist übrig geblieben.

Eine völlig veränderte Wegeführung spiegelte in Brodhagen die Veränderungen im Zeitraum zwischen den beiden Karten wieder. Ein paar Gehöfte in loser Bebauung an einer Wegschleife von Doberan, ohne Direktverbindung zu seinen Nachbarn gab es um 1790.
Um 1900 war Brodhagen in die drei Teile angelegt, die wir heute kennen: Die Gut, das Dorf, und die Kalkbrennerei. Der Weg zur heutigen B 105 war angelegt und Brodhagen hatte Direktverbindungen mit Reddelich (Der heutige Wanderweg entlang des Bachlaufes) und Steffenshagen. Der Weg nach Steffenshagen verlief allerdings von der Büdnerei (Matschke) nach Ober Steffenshagen. Der heutige wurde erst später angelegt.

In der Karte von 1894 erscheint dann auch der Bach, der Reddelich und Brodhagen durchfließt. Aus der Geschichte Mecklenburgs wissen wir, dass im 19. Jahrhundert begonnen wurde, Wiesen und Felder zur Ertragssteigerung zu meliorieren. Wir wissen bislang zwar nichts über Art und Umfang solcher Maßnahmen in der Gemeinde, Zufallsfunde bei Schachtarbeiten bestätigen jedoch derartige Arbeiten in der Feldmark. Legendär sind in dem Zusammenhang Geschichten von Landwirten, deren Quintessenz unisono lautet:

(…) Bei unsachgemäß ausgeführten Meliorationsarbeiten wurde genau das Gegenteil von dem erreicht, was man eigentlich haben wollte. Durch Zerstörung alter Drainagen, oder wenn man diese nicht fachgerecht in die neuen Anlagen eingebunden hat, wurden aus Entwässerungsprojekten schnell mal Bewässerungen.(…)

Für unseren Bach bedeutet dies: Die heutige Vorflut entlang der Nordkante des Hundehäger Waldes, quasi die Quelle des Reddelicher Baches, ist augenscheinlich im 19. Jahrhundert neu gebaut worden. Die damaligen Meliorationsmaßnahmen in der Flur sorgten wiederum für einen ganzjährigen Wasserfluss.
Inwieweit in den geschaffenen Bachlauf bestehende Gräben eingebunden wurden, lässt sich mit Bestimmtheit wohl nicht mehr feststellen. Dass der Bach aber kein Relikt der letzten Eiszeit, sondern ein Kunstprodukt der letzten 200 Jahre ist, wage ich mal zu behaupten.
Eigenartiger Weise wird der Bach innerhalb der Reddelicher Flur mit "Moehlenbäk" bezeichnet, obwohl eine Wassermühle am Bachlauf nicht bekannt ist.

Kein Zufall ist der, oft zu beobachtende, Bewuchs Mecklenburger Bachufer mit Erlen. Diese schnellwachsenden, staunässetoleranten Bäume waren ein wichtiger Brennholzlieferant für die Bauern, die ja in der Regel keinen Wald in Pacht hatten, oder gar besaßen. Das Praktische an so einer Erle ist, sie ist kaum "tot zu kriegen". Die aus dem frischen Stubben treibenden Seitentriebe wachsen binnen weniger Jahre zur nächsten Generation Brennholz heran.
Was die Ökologen von heute in Verzückung versetzt, nahmen die Bauern der Vergangenheit gerne nebenher mit: Erlen bieten gratis eine effiziente Uferbefestigung, sind ein wirkungsvoller Windschutz, spenden dem Weidevieh Schatten, …

Kaum Veränderungen zwischen 1800 und 1900 kann man bei den Wäldern der Region erkennen und (wie verwunderlich¿) am Geländerelief. Die benannten Hügel auf dem Gemeindegebiet heißen nach wie vor Kloster- und Budenbarg. Vielleicht lobt ja mal jemand eine Prämie für den originellsten Grund aus, der zu diesen Namen geführt hat.

Reddelich, im August 2012
Ulf Lübs

Wanderkartenausschnitt 1905

Wanderkartenausriss um 1905