Die Reddelicher Häuslerei Nr. 35

Sie steht als zweites Haus in der Häuslerreihe am Glashäger Weg hinter den Gleisen vom ehemaligen Bahnübergang gesehen. 1920 wurde das Zweifamilienhaus von der Lehrerwitwe Marie Rausch gebaut. Finanziert wurde der Bau durch ein staatliches Baudarlehen.

45.000 Mark mussten von Frau Rausch anderweitig aufgebracht werden. 1922 übernahm der Spar- und Darlehnskassenverein das Grundstück. 1929 zahlte der Verein den Aufwertungsbetrag für das Darlehen in Höhe von 38.268 in Goldmark zurück.
1928 wurde eine Entwässerungsanlage mit Klärgrube gebaut. 1936 erwarb der Bauer Hermann Griese aus Glashagen das Grundstück. Er trat mit dem Hofbesitzer Frahm in den Vertrag zur Lieferung von Wasser ein. Damit erhielt die Häuslerreihe, im Volksmund Kurfürstendamm genannt, fließendes Wasser. 1936 wurde an den Stallgiebel eine Garage angebaut.

In den Kriegsjahren lebten zeitweilig die Schwiegertochter und Enkelkinder von Ella-Klara Schleeff dort. Enkel Jochen Schleeff erinnert sich im Jahr 2018 an diese Zeit:

Mein Name ist Jochen Schleeff. Ich bin ein Enkel von Georg Friedrich Wilhelm Schleeff, verstorben in Reddelich im Januar 1935, und seiner Ehefrau Ella Klara (Else) Schleeff, geb. Seyfferth. Auf Anraten meines Vaters Karl Ludwig Schleeff hat meine Mutter mit uns Kindern während des Krieges überwiegend in Reddelich bei unserer Oma in der Häuslerei Nr. 35 am "Kurfürstendamm" zu Reddelich gewohnt. Er befürchtete Bombenangriffe auch auf den Stadtteil Hamburg-Bergedorf.

Mein Großvater Wilhelm Friedrich Georg Schleeff hat bis 1932/33 das Gut Rattey/Charlottenhof der Familie von Oertzen geleitet. Aus gesundheitlich Gründen musste er die Arbeit im Alter von 55 Jahren vorzeitig aufgeben und ist mit seiner Ehefrau zunächst nach Rostock und dann nach Reddelich gezogen, wo er Anfang 1935 verstorben ist.

Der "Kurfürstendamm", damals noch ein Sandweg, war für uns – Fritzi Haase und Jochen Franck – der Spielplatz vor dem Haus. Dort habe ich als Kind sehr oft auf den Milchwagen der Bauernfamilie Albrecht und Erna Brinckmann gewartet, um dann mit Schossak, so hieß der Kutscher, zum Brinckmann Hof zu fahren. Dort gab es dann von Frau Erna Brinckmann ein herrliches Schmalzbrot. Ich habe viele Stunden auf dem Hof verbracht und mit der Tochter Helga gespielt. Ihren "großen" Bruder Ali haben wir selten gesehen. Er ging in Bad Doberan zur Schule. Der Rückweg zur Häuslerei war für mich immer eine Mutprobe. Ich musste an den aufgeregt schnatternden Gänsen vorbei!

Ali Brinckmann hatte uns erzählt, dass die Verbindung der beiden Familien mit der Tätigkeit unserer Großmutter als Weißnäherin für den Haushalt Brinckmann begonnen hatte. Die Damen Meta Brinckmann und "Else" Schleeff müssen sich wohl gut verstanden haben. Meine Großmutter war wie bereits ihre Mutter im Alter von 53 Jahren Witwe geworden und musste sich ein Zubrot verdienen. Später kam mit meiner Mutter und uns Kindern die nächste Generation hinzu und die Freundschaft zur Familie Brinkmann wurde länger als 70 (!) Jahre gepflegt.

Meine Mutter konnte sich gut daran erinnern, wenn Großmutter Meta Brinckmann mit markiger Stimme verkündete: KAFFEE IST FERTIG!

Wir Kinder fanden es immer wieder aufregend, wenn Güterzüge ohne Ende und ein Pferdetross nach dem anderen durch Reddelich fuhren. Wir konnten nicht ahnen, welches Elend und Leid mit diesen Transporten verbunden waren.

Ich bin im Sommer 1943 in Reddelich eingeschult worden und habe am ersten Schultag vorne in der ersten Reihe erleben müssen, wie der Lehrer Mahn einen älteren Schüler zu sich rief und ihn mit dem Rohrstock verprügelt hat. Meine Mutter und meine Oma mussten mich zum Schulbesuch am nächsten Tag überreden. Meine Mutter ist mitgegangen. Im Zeugnisheft ist vermerkt, dass nur im Jahr 1943 Unterricht erteilt worden ist und wegen Erkrankung des Lehrers für 1944 keine Zeugnisse geschrieben werden konnten. In dem Jahr ist meine Mutter mit uns Kindern endgültig nach Bergedorf zurückgekehrt.

Im Sommer 1946 war unsere Familie ein letztes Mal zu Besuch bei unserer Oma in Reddelich. Der Bruder meines Vaters, Hans Joachim (Jochen) SCHLEEFF hatte ein Auto organisiert und uns von der Zonengrenze abgeholt. Unsere Mutter hat uns später erzählt, dass jeder Reifen einmal platt war. Sie war heilfroh, irgendwann in Reddelich gelandet zu sein. In Erinnerung an diesen Aufenthalt ist mir der Abend auf/vor dem Hof Uplegger geblieben, als sich dort Reddelich versammelt hatte, um den Tierarzt bei der Versorgung (OP) eines Pferdes, das oft tief geschnauft hat, zu beobachten.

An die Bäckerei Möller kann ich mich auch erinnern. Dorthin brachten die Mütter ihre vorbereiteten Kuchen zum Backen. Das hätte von mir aus öfter sein dürfen.

Nach Kriegsende haben wir Schleeffs im Westen mit den Brinckmännern Albrecht sen. und jun. bis zum Tod von Albrecht jun. im Jahr 2013 unter abenteuerlichen, beschwerlichen später endlich entspannten Umständen regelmäßigen Kontakt gepflegt.

Von den politischen Aktivitäten meiner Großmutter habe ich erst jetzt etwas erfahren. Die waren nach Ende des Krieges kein Thema mehr. Der Einsatz meines Onkel "Jochen" in der Legion Condor war mir hingegen bekannt. Auch das wurde nie besonders erwähnt. [Anm. d. Redaktion: Else Schleeff war Vorsitzende der NS-Frauenschaft, es sind aber keine besonderen politischen Aktivitäten dieser Organisation in Reddelich bekannt.]

Meine Tante Christa Anna (Christel) Barten, geb. Schleeff, hat mit ihrer Familie bis zur Ausbombung ihres Wohnhauses in Rostock gewohnt. Sie haben dann eine Unterkunft bei den Verwandten Barten in Reddelich gefunden. Später sind sie nach Schleswig gezogen. Ich hatte meiner Kusine Karin Börner, geb. Barten, von meinem Rundgang durch Reddelich erzählt. Hierauf sagte sie mir, dass die Familie Hans Barten den Hof aufgeben mussten und nach Hamburg gezogen sind. Dort hat sich Hans Barten das Leben genommen. Er hat den Verlust des Hofes nicht verwinden können.

1945 lebten auf der Häuslerei: Der Eigentümer Hermann Griese und die Witwe Ella-Klara Schleeff. Nach Kriegsende wurden dort einquartiert: Die Familie Konopatzki aus Westpreußen.

Die Häuslerei Nr. 35 im Lauf der Zeit
Artikel aktualisiert am 29.07.2020