Kultur- und Jugendarbeit in der DDR-Zeit

Politische Ansichten über die ehemalige DDR gibt es viele, Mit zunehmenden zeitlichen Abstand spreizen sich die Auffassungen immer mehr. Die einen verklären diese Zeit gerne, andere verteufeln diese ebenso enthusiastisch. Für die meisten Zeitzeugen liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen. Unstrittig ist, dass die Jugend der politischen und administrativen Führung, wie auch der Gesellschaft im Ganzen nie egal war und Jugend- und Kulturarbeit eigentlich nicht zu trennen war..

Über die Methoden und die politische Vereinnahmung der Jugendarbeit wird heute gerne und viel gestritten. Die Jugend wurde schon sehr früh, sehr intensiv und sehr vertrauensvoll am Aufbau des Sozialismus beteiligt. Sie hatte nie das Gefühl, nicht gebraucht zu werden. Sicher gingen nicht alle konform mit den Idealen des Sozialismus aber eine große Mehrheit hat sich in der DDR eingerichtet und sich mit der Realität arrangiert. Das gilt auch für Reddelich und Brodhagen.

Am 30. Dezember 1945 fand im Doberaner Schützenhof am Schützenplatz (später Jugendklub am Maxim-Gorki-Platz) eine Feier für alle Neubauern der Region statt. Mit Musik und Tanz, aber auch mit Reden zur Bodenreform sollte dieses Ereignis gefeiert werden. Eingeladen hat der Bezirksbürgermeister (eine Art Landrat) von Bad Doberan. Wer aus Reddelich und Brodhagen an diesem Fest teilgenommen hat, ist nicht überliefert.

In den 1950er Jahren gab sehr viel Bewegung im kulturellen und sportlichen Bereich der Gemeindepolitik. Jugendförderung wurde ernsthaft und intensiv betrieben. So wurden in den Dorfplan für 1953 u. a. die Sanierung eines vorhandenen Schwimmbeckens auf dem Gelände des heutigen Konzertgartens aufgenommen. Auch die Herstellung eines Sportplatzes auf einer Fläche von 7500 m², mit Laufbahnen, Sprunggruben und einem Volleyballfeld wurden geplant. Manfred Morwinsky [28] erinnerte sich an diese Zeit:

Reddelich hatte auch eine Sportgemeinschaft, die Traktor Reddelich hieß. Dazu gehörte eine Fußball-, Volleyball- und Tischtennismannschaft. Später gehörte die Tischtennismannschaft als 2. Mannschaft zu Lokomotive Doberan. Es wurden Punktspiele gegen Manschaften aus Neubukow, Kröpelin, Kühlungsborn und Doberan ausgetragen.«

Der Autor war auch Mitglied der Gesellschaft für Sport und Technik (GST), die in der Brodhäger LPG eine Ortsgruppe mit der Sparte Motorsport hatte.

Geselligkeit wurde auch zu DDR-Zeiten großgeschrieben in Reddelich und Brodhagen. Feste aller Art wurden regelmäßig und gerne gefeiert auch wenn dies nicht immer dokumentiert wurde. Fotografisch festgehalten wurde das Dorffest von 1955 in Reddelich mit einem Festumzug durch das Dorf und Reiterspielen wie das Tonnenabschlagen. Dabei wird im Vorbeiritt ein aufgehängtes Holzfass mit einem Knüppel zerstört. Sieger ist, wer die letzte Daube der Tonne abschlägt.

Zur Geselligkeit gehörte auch eine gewisse Kneipenkultur. Treffpunkt vieler Reddelicher war die Gaststätte ZUM DEUTSCHEN FRIEDEN. Dort wurde nicht nur Skat gedroschen oder gefeiert sondern bisweilen auch kurioses ausgeheckt. So wetteten sechs Reddelicher in den 1960er Jahren, aus einer Bierlaune heraus, sich die Haare abschneiden zu lassen. Was heute niemanden mehr verwundert, wurde zu damaliger Zeit als jugendliches Aufbegehren gegen die Spießigkeit gewertet. In Anlehnung an einen damaligen Kinofilm, der in der DDR Kult wurde, bekamen die sechs den Spitznamen DIE GLATZKOPFBANDE.
Am 14. Juli 1963 ist ein Dorffest aktenkundig geworden. Geplant wurde durch den Gemeinderat ein Sportfest ab 10:00 Uhr mit Wettkämpfen in: Völkerball, Volleyball, Tauziehen, Motorrad-Geschicklichkeitsfahren sowie eine Kleine Friedensfahrt (Radrennen) und Rollerrennen der Kinder. Ab 13:30 Uhr gab es einen Festumzug mit Schalmeienkapelle, bevor auf dem Festplatz Tombolalose gezogen oder mit dem Luftgewehr geschossen werden konnte. "Wie eine Werktätige Frau sich kleidet." war das Motto einer Modenschau und abends durfte getanzt werden.
Ein wichtiger Hort für kulturelle Aktivitäten in der Gemeinde war, neben der Feuerwehr, die Schule. Mit Fritjof Fensch hatte Reddelich von 1954 bis 1960 das Glück einen aktiven Schulleiter zu haben. Neben Sport- und Kinderfesten gab es in den 1950er Jahren auch eine Mandolinengruppe an der Schule (Siehe Kapitel "Schule" ab Seite 58). Herr Fensch war nicht nur ein engagierter Lehrer sondern auch begeisterter Hobbyfotograf. Viele Bilder aus seinem Nachlass, die uns sein Sohn Hartmut Fensch freundlich überlassen hat, sind in diesem Buch veröffentlicht. Auf Seite 75 ist ein Treffen ehemaliger Schüler mit Lehrer Fensch und Kolleginnen von ihm im Jahr 1988 beschrieben.
Für den 7. Juli 1968 organisierte die Gemeindevertretung ein Dorffest. Die Verantwortlichkeiten wurden in einer GV-Sitzung klar festgelegt. Der Beschluss lautete:
Das Dorffest wird am Sonntag den 7. 7. 68 um 14:00 Uhr durchgeführt. Der Ablauf ist wie folgt gedacht:
● Volleyballspieler mit Preisverteilung, Fußball gegen Brigaden der LPG,
● Preis- und, Blumenschießen,
● Kinderbelustigungen
● Tanz auf dem Saal ab 20:00 Uhr .
Die Konsum-Gaststätte wird mit Getränken, sowie mit Eis auf dem Festplatz vertreten sein. Die KG Verkaufsstelle wird Obst und Südfrüchte anbieten. Außerdem wird eine Tombola durchgeführt.
Für die einzelnen Aufgaben wurden folgende Personen verantwortlich gemacht:
● Tombola: Einkauf Taube Margarete, Frantz Christel, Rünger Anna. Losverkauf : Die FDJ lerinnen.
● Preisschießen : Duve Werner, Deckert Heinz,
● Blumenschießen : FDJ 1er.
● Kinderbelustigungen : Kindergartenkollektiv.
● Volleyball: Westphal Horst
● Fußball : Duve Werner
● Kassierung: auf dem Platz DFD, auf dem Saal: Duve Werner, Rünger Anna.
● Verantwortlich für den gesamten Verlauf : Reincke Karl
Das Ende wurde für 1:00 Uhr festgelegt.
Außerdem sollen Verhandlungen aufgenommen werden. mit:
● Gemeinde Steffenshagen wegen der Tanzdiele
● GHG Fisch Rostock wegen Lieferung von Räucheraalen,
● mit dem St. Kreiskontor wegen Lieferung einer Plane.
Da viele Jugendliche von Auswärts in Niethosen und Rollkragenpullover erscheinen, ist festgelegt worden, Personen nur im ordentlichen Anzug Einlass zu gewähren.
Eintrittskarten werden nicht mehr verkauft wie Sitzplätze vorhanden sind.
Aus heutiger Sicht dürfte der vorletzte Absatz, der sich auf die Kleiderordnung bezieht, interessant sein.
35 Einwohner von Reddelich und Steffenshagen gründeten am 19.  November 1968 den Chor KÜHLUNG unter der Leitung von Karl-Heinz Pohle. Das Ensemble prägte 48 Jahre die Kulturlandschaft im Kreis Bad Doberan mit.
Die Jugend wurde in allen Entscheidungen der Gemeinde eingebunden. Die FDJ, als deren Vertretung hatte Sitze in allen Gremien. Was daraus gemacht wurde, lag auch in Reddelich an denen die sich engagierten. Die Gremien der Gemeinde stellten immer wieder Pläne zur Verbesserung der Jugendarbeit auf. So auch 1976. Dort wurde durch Beschluss der GV festlegt:

  1. Für eine Exkursionsfahrt einen Betrag von 500,00 Mark zur Verfügung zu stellen.Verantwortl. Abg. Gratopp P. und Jugendfreund Völker
  2. Damit das geistig-kulturelle sowie das sportliche Leben gefördert wird, werden für Sportgeräte 4oo,oo Mark bereit gestellt. Außerdem wird für die Diskothekerweiterung eine finanzielle Hilfe in Höhe von 500.00 Mark aus dem Haushalt zur Verfügung stehen.Verantwortl. Abgn. Reincke u. Jugendfr. Persecke.
  3. In der Woche der Jugend und Sportler für ein Sportfest Preise in Höhe von 2oo.oo Mark zur Verfügung zu stellen. Verantwortl. Finanzsachb. Lubeck u. Jugendfr. Nippert
  4. Für das FDJ Studienjahr 1976 / 77 bei der Bereitstellung eines Referenten zu helfen.Verantwortl. Abg. Reinke W. u. Parteisekr. Warnke
  5. Zur Einzäunung des Sportplatzes einen Zaun dafür zur Verfügung zu stellen.Verantwortl. Abg. Nippert u. Abg. Gratopp P.
  6. In jedem Quartal eine Abrechnung über die erreichten Ergebnisse vorzunehmen. Verantwortl. Abg. Gratopp F. u. Jugendfr. Völker
  7. In jedem Quartal findet ein Treff mit dem Bürgermeister statt. Verantwortl. Bürgermeister
  8. Die anvertrauten Räume , Geräte und Einrichtungen ordentlich zu pflegen und die Umgebung sauber zu halten. Verantwortl. Jugendfr. Junghans H.U. Lüttke S.
  9. Mindestens einmal im Monat eine Tanzveranstaltung durchzuführen. Verantwortl. Abg. Reincke I. u. Jugendfr. Wollenberg
  10. 10Wenn es erforderlich ist in der LPG Planzenproduktion Sondereinsätze zu organisieren. Verantwortl. Jugendfr. Keil I. u. Jugendfr. Günther.
  11. Der Wettbewerb "Schöner unsere Städte und Gemeinden — mach mit !" tatkräftig zu unterstützen. Hauptprobleme sind dabei, der Bau der Wasserleitung, die Straßenbeleuchtung und die Einzäunung des Sportplatzes. Verantwortl. Abg. Dreyer u. Jugendfr. Junghans
    Dieses alles steht unter der Losung: "Schöner unser Land, klüger unser Handeln, froher unser Leben dem IX. Parteitag entgegen."
    Aufbauend auf den Plan von 1976 wurde für 1978 ein neuer Jugendförderplan aufgestellt. Nach einer politischen Präambel wurden dort 17 Einzelpunkte mit den entsprechenden Verantwortlichkeiten aufgeführt. Auffällig ist die forcierte Einbindung der FDJ-ler in die Arbeit des Gemeinderates. Auch der dreijährige Wehrdienst als Zeitsoldat wurde gefördert. Für Kultur und Sport wurden finanzielle Mittel bereitgestellt. So für ein Mischpult und die Renovierung des Jugendraumes. Festgelegt wurde auch, dass zweimal monatlich eine Tanzveranstaltung stattfinden sollte und einmal eine Kinovorführung. Drei engagierte Jugendliche sollten mit einer Reise augezeichnet werden. Auch in die Maßnahmen zur Verschönerung des Dorfbildes anlässlich des 30. Republiksgeburtstages am 7. Oktober wurde die Jugend eingebunden.
    1986 organisierte die Gemeindevertretung, nach längerer Pause wieder ein Dorffest. Die Auswertung im Rahmen einer Ratssitzung fiel recht kritisch aus. Es fehlte an Erfahrung mit derartigen Events. Eine Tradition wurde auf diesem Fest aber auch begründet. Es gab erstmals ein lebendes Ferkel als Hauptpreis an der Schießbude. Explizit gelobt wurde die Versorgung durch die HO Gaststätte "Goldbroiler Bad Doberan" unter der Leitung von Walter Reinsch.
Artikel aktualisiert am 12.04.2020