1851: Beginn der massenhaften Auswanderung nach Amerika

Die Auswanderung aus Mecklenburg war von 1850 bis 1890 eine Massenerscheinung. Von 1853 bis 1908 wanderten 120.000 Personen aus. Gründe waren der Wunsch nach eigenem Grund und Boden und die fehlende Gewerbefreiheit in Mecklenburg. Auch die Einstufung vieler Menschen als Heimatlose ohne Wohnrecht und ohne das Recht, eine Ehe schließen zu dürfen, was wiederum die Geburt vieler unehelicher Kinder und die Ächtung ihrer Mütter zur Folge hatte, bewegte viele zum Verlassen Mecklenburgs. Die bereits Ausgewanderten erzeugten eine Sogwirkung, die auch Unzufriedene mit den politischen Verhältnissen und Abenteurerlustige erfasste und mit abgeschobenen, unliebsamen Personen durch das Land die Auswanderungsschiffe nach Übersee füllten.

Auf Grund der unmenschlichen Praxis des Heimatrechtes, die den Heimatlosen ohne Wohnrecht die Genehmigung zur Eheschließung verweigerte, kam es auch im Kirchspiel Steffenshagen – so auch in Reddelich und Brodhagen – zu vielen unehelichen Geburten. In den Jahren von 1851 bis 1858 kamen 90 von 611 Kindern außerhalb der Ehe zur Welt. Das betraf vor allem Knechte und Handwerksgesellen bei den Männern und Dienstmägde bei den Frauen. Zum Beispiel wurden dem Dienstmädchen Anna Schiever aus Reddelich und dem Schustergesellen Johann Steinbock aus Kröpelin in den Jahren 1841 und 1843 ein Mädchen und ein Junge geboren.

1854 wanderten Johann Levzow, Einlieger in Brodhagen, mit seiner Frau Christine und dem Sohn Heinrich nach Nordamerika aus. Heinrich wurde im Jahr 1849 als uneheliches Kind geboren. Wie der Pastor von Steffenshagen ins Kirchenbuch schrieb, wurde die Geburt gleich nach der Taufe von Heinrich legitimiert.

1856 wanderte der Kalkbrenner aus Brodhagen, Friedrich Elsner, mit seiner ganzen Familie nach Nordamerika aus.
Mit seiner späteren Frau Henrica, Tochter des Dorfschulzen, hatte er 1848 die uneheliche Tochter Sophia. Zur Geburt des Sohnes Carl 1855 war der Müller E. Elsner, offensichtlich ein Verwandter des Kalkbrenners, als Pate aus den USA in Brodhagen. Dieser wird über sein Leben in Nordamerika berichtet haben, was wohl der letzte Anlass zur Auswanderung der Kalkbrennerfamilie war.

Der Lehrer Johannes Gillhoff schildert in dem ergreifenden und amüsanten Lebensbericht "Jürnjakob Swen der Amerikafahrer" die Ursachen für die Auswanderung und das Leben der Auswanderer in Amerika. Seine Quelle waren Briefe, die der Vater des Autors aus Amerika erhalten hatte.

Auszüge: Jürnjakob Swen hatte viel Schweiß bei der Arbeit auf seiner eigenen Farm verloren. Trotzdem bereute er seinen Schritt zur Auswanderung nicht. Als Grund dafür gibt er an:

Im Dorf wär ich bei aller Arbeit doch man Tagelöhner geblieben und, wenn`s hoch kam, Häusler, und meine Kinder wären wieder Tagelöhner geworden. Wir haben hier scharf ran müssen, viel schärfer als in old Country. Das muss wahr sein. Aber dafür habe ich auch mehr vor mich gebracht. Das muss auch wahr sein. Hier hab ich mich frei gemacht. Hier stehe ich mit meinen Füßen auf meinem eigenen Boden und tagelöhnere nicht beim Bauern. Das Freisein ist schon ein paar Eimer Schweiß wert.

Über seine Mecklenburger Wohnung schreibt er:

Es war ein Strohkaten. Er war niedrig im Dach… Darin gehörten uns eine Stube und eine Kammer. Der Fußboden war als Lehm auf dem Püttberg gewachsen. Aber sonntags streute die Mutter weißen Sand. Da sah er schön nach Sonntag aus.

Artikel aktualisiert am 28.07.2019