Die Reddelicher Hufe IV

Von Reinhold Griese (Recherche), Rita Philipp (Daten), Ulf Lübs (Text, Layout)..

Von dem ehemaligen Reddelicher Schulzenhof in der heutigen Alten Dorfstraße steht gegenwärtig nur noch das Wohnhaus. Dies wurde durch die jetzigen Eigentümer, der Familie Warnke, saniert und modernisiert und dient reinen Wohnzwecken. Die landwirtschaftlichen Nebengebäude wurden Mitte der 1990er Jahre abgerissen und das ehemalige Hofgelände zur Bebauung mit Wohnungen überplant.

Hufe IV in der heutigen Ortslage. [08]

1704 im Beichtkinderverzeichnis, war ein Jochim Bulle (geb. 1723) Dorfschulze und Hauswirt. Wann er den Hof übernahm ist nicht bekannt. Er lebte mit seiner Frau Lise (geb. 1727) und seinem Sohn Jochim (geb. 1749) auf dem Hof. Angestellte waren: der Knecht Johan (Bulle) (geb. 1721), und die Magd Anna Garven (geb. 1730). Zum Hof gehörig war die Bettlerin Anna Tredes aufgeführt. Anzunehmen ist, dass es mit dem Schulzenamt zusammenhing, dass die Bettlerin dort lebte.

1735 übernahm der Sohn Hans Heinrich Bull – verheiratet mit Catharine Westendorf – den Bauernhof und auch das Schulzenamt. Bei der Einweisung wurde folgende Hofwehr festgestellt: 8 Pferde, 1 Füllen, 4 Ochsen, 4 Kühe, 4 Stier, 4 Starke, 4 Kälber, 4 Schafe, 4 große Schweine mit sieben Ferkeln, 7 Gänse, 20 Hühner, 2 fertige Wagen, 1 Pflug und 2 Haken.

1751, wird im Beichtkinderverzeichnis des Kirchspiels Steffenshagen ein Schulze Hans Bulle genannt. Er wurde um 1676 geboren. Er war verheiratet mit Lise Garve. Auf dem Hof lebten noch der Knecht Joch. Hagemeister, der Junge Hans Kühl und die Magd Christin Westendorfs. Im Katen lebte der Drescher Clas Bulle.

1762, nach dem Tod von Hans Bull, wurde der Knecht Peter Baade Hauswirt und Schulze. Er hatte Maria, die Tochter von Hans und Catharina Bull, geheiratet. Da der Bauernhof ein Schulzengehöft war, nahm der Amtmann Hagemeister von Vorderbollhagen die Einweisung vor.

1797 übernahm Jochim Baade (1768 – 1838) die Hufe.

1832 Peter Baade (1802 – 1884) übernahm den Bauernhof.

1867, zur Volkszählung lebten im Bauernhaus der Hufe:

  • Der Hauswirt Peter Baade (geb. 1802) mit Ehefrau Margaretha (geb. 1813) und Sohn Joachim (geb. 1845).
  • Der Knecht Heinrich Schröder (geb. 1843), der Kuhhirte Johann Armstädt (geb. 1799) sowie die Dienstmädchen Sophie Schlutow (geb. 1851) und Anna Rowoldt (geb. 1852).
  • Der Einlieger Gottlieb Dölkow (geb. 1824) mit Ehefrau Sophia (geb. 1824) und Tochter Maria (geb. 1863).

1872 trat Peter Baade, im Alter von 70 Jahren, zurück und überließ seinem Sohn J. Baade (1845 – 1892) die Wirtschaft und das Amt als Dorfschulze.

1875 wurde ein Erbpachtkontrakt geschlossen. Der Bauernhof hatte eine Größe von 44 ha, 57 a und 59 m². Der Kaufpreis für Gebäude und Hofwehr betrug 20.600 Mark. Damit war die Hufe IV die Kleinste in Reddelich. Die Baades hatten in der Vergangenheit bei Regulierungen der Reddelicher Feldmark oft eine Vergrößerung ihres Ackerlandes gewünscht. Als J. Baade verstarb, führte seine Frau Sophie geb. Schlutow (1851), die aus Hohenfelde stammte, den Hof weiter.

1900, zur Volkszählung, wohnten auf der Hufe IV:

  • Die Bäuerin Sophie Baade (geb. 1851) mit den Kindern Wilhelm (geb. 1873) Ida (geb. 1879), Emma (geb. 1888) und Franz (geb. 1890)
  • Die Knechte Heinrich Vanheiden (geb. 1872) und August Bartels (geb. 1880) sowie das Dienstmädchen Elise Trost (geb. 1885).

1906 trat der Sohn von Sophie Baade, der 1873 geboren wurde, die Nachfolge als Bauer an.

1945 lebten auf dem Hof Wilhelm Baade mit Ehefrau und Sohn Albrecht mit Ehefrau Maria (geb. von Birgel). Nach Kriegsende wurden dort einquartiert: Familie Wersing (Thomas, Emilie,Frieda) aus Ostpreußen, Familie Steiner (Fraunz, Anna, Maria, Arnold)aus dem Sudetenland und Anna Grundmann aus Ostpreußen.

Gebaut wurden auf der Hufe: Ein Pferdestall (1851), ein neues Wohnhaus (1865) und ein Viehhaus (1864) mit Steinbedachung, da Dächer mit Stroh oder Rohr wegen der Brandgefahr nicht mehr genehmigt wurden. Der Bauer erhielt dafür aus der Amtskasse einen Zuschuss in Höhe von 345 Reichstalern. 1899 wurde ein Backhaus gebaut, 1905 das Wohnhaus umgebaut und 1927 eine Feldscheune errichtet. Letztere brannte 1973 ab.

Aus dem 20. Jahrhundert ist uns nur wenig bekannt über den Bauernhof und den Verbleib der Familie Baade. Nur so viel, dass auch sie in den 1950er Jahren in den Westen geflohen sind und die Bewirtschaftung der Bauernstelle vom staatlichen Örtlichen Landwirtschaftsbetrieb (ÖLB) übernommen wurde. Später übernahm die LPG GLÜCKLICHE ZUKUNFT und deren Rechtsnachfolger Hof und Acker. Nach der Wende nahm die Familie Baade Land und Immobilien aus der LPG heraus und vermarkteten diese. Die Wirtschaftsgebäude des Hofes wurden abgerissen und das Wohnhaus an Familie Warnke verkauft. Damit hörte auch die Hufe IV auf, als geschlossener Landwirtschaftsbetrieb zu existieren.

Das Schulzenamt wurde im Domanium meist an den Schulzenhof gekoppelt. In Reddelich also an die Hufe IV. Seit wann das so war konnte nicht ermittelt werden.

Den Begriff Dorfschulze mit Bürgermeister zu interpretieren trifft den Kern nicht ganz. Er war eine vom Domanialamt eingesetzte Person mit der Aufgabe die herrschaftlichen Weisungen im Dorf kundzutun und durchzusetzen sowie Beschwerden und Anträge der Dorfbewohner zu sammeln und dem Amt zu übergeben.

Praktischerweise wurde der Hauswirt des sogenannten Schulzenhofes auch als Schulze eingesetzt. Das mag mit der entsprechenden Ausstattung des Schulzenhofes, wie zum Beispiel einem Büroraum als Schreibstube und Aktenlager oder Platz und Räumlichkeit zur Zwischenlagerung der Abgaben zusammenhängen. Aber auch die automatische Einarbeitung des Hofnachfolgers in die Schulzenarbeit wird dabei eine Rolle gespielt haben.

Wahrscheinlich wurden die Reddelicher Dorfkinder mit Einführung der Schulpflicht bis zum Bau der Schule 1852 auch auf dem Schulzenhof unterrichtet und der Lehrer war dort Einlieger.

Wann und aus welchem Grund die Hufe IV ihren Status als Schulzenhof verlor, konnte noch nicht ermittelt werden. 1874, im Protokoll zur Einführung der Gemeindeordnung, wurde als Schulze der Hauswirt Uplegger von der Hufe II aufgeführt. Inzwischen ist man offensichtlich von der Praxis abgegangen, das Schulzenamt an eine Hufe zu koppeln, wie über mehrere Generationen an die Hufe IV.


Artikel aktualisiert am 01.03.2020