2013: Restaurierung der Reddelicher Gedenksteine

Der Kulturverein für Reddelich und Brodhagen e. V. ließ im Oktober die beiden Gedenksteine in Reddelich restaurieren, und gestaltete das Umfeld neu. In einer kleinen Feierstunde anlässlich des 100sten Jahrestages der Aufstellung des Älteren gab es einen Geschichtsvortrag.

In diesem beschrieb Reinhold Griese ausführlich den geschichtlichen Kontext, zu den Gedenksteinen. Eine Zusammenfassung seines Vortrages veröffentlichte er in der Raducle vom November 2013, die Ausgabe 18. Dort ist auch ein Bericht über die Aktion "Gedenksteine" des Kulturvereins erschienen. Beides können sie im Anhang auszugsweise nachlesen.

Anhang

Auszug Raducle 18 über Reddelicher Gedenksteine:

» Was die Sachsen können, können wir schon lange! «, dachten sich 1913 die Mitglieder der Kameradschaft Reddelich des Reichskriegerbundes Kyffhäuser e. V. Sie machten sich an die Arbeit und weihten, pünktlich zum 100. Jahrestag des Sieges über die napoleonischen Truppen, ein Völkerschlachtdenkmal ein. Nun gut, die Reddelicher Variante fiel letztlich etwas bescheidener aus, als das Pendant in Leipzig – aber immerhin …

Knappe 100 Jahre später ist zwar die damals gepflanzte Friedenseiche zu einem imposanten Baum herangewachsen, jedoch der Gedenkstein verlor sich mit seiner durch Wind und Wetter verblassten Inschrift im Bewuchs vieler Jahre.
Nicht anders erging es dem zweiten Reddelicher Gedenkstein. Es soll Einwohner geben, denen der ursprünglich zum Gedenken gefallener Reddelicher im Ersten Weltkrieg aufgestellte Stein noch nie aufgefallen ist.
» Das kann man doch leicht ändern! «, beschlossen 2013 die Mitglieder des Kulturvereins für Reddelich und Brodhagen e. V. Sie machten sich an die Arbeit und beauftragten einen Steinmetz mit der Restaurierung der Inschriften. Auch fanden sich freiwillige Helfer, die ohne Bezahlung das Umfeld beider Steine wieder herrichteten.

Zum Abschluss lud der Kulturverein am 19. Oktober alle Geschichtsinteressierten zu einer kleinen Feierstunde in die Bauernscheune ein. Bei Kaffee und Kuchen in gemütlicher Runde vermittelte Reinhold Griese, Leiter der Arbeitsgruppe "Gemeindechronik", Hintergrundinformationen zur Völkerschlacht und der Zeit, in der die Gedenksteine eingeweiht wurden. In einer guten Stunde versuchte er vor etwa 35 Zuhörern, den Spagat zwischen unserer 800-Seelen-Gemeinde und den großen Weltläufen zu schaffen. Beide Steine erinnern schließlich an große Ereignisse in der Weltpolitik, die auch Einfluss auf das Leben in Brodhagen und Reddelich hatten. Sicher, der Beweis, dass auch wenigstens ein Reddelicher oder Brodhäger direkt an der Völkerschlacht beteiligt war, die vom 16. bis 19. Oktober 1813 in und um Leipzig tobte, steht noch aus. Die Geschichte Mecklenburgs, und damit auch die von Reddelich und Brodhagen, wäre sicherlich anders verlaufen, wenn sich das Land in den europäischen Konflikten mit Napoleon nicht klar positioniert hätte. So aber fand die Kameradschaft Reddelich des Reichskriegerbundes Kyffhäuser e. V. 1913 gute Gründe, an den damals 100. Jahrestag der Völkerschlacht zu erinnern.
Auch wenn dies in einer national-militaristisch aufgeheizten Stimmung am Vorabend des Ersten Weltkrieges geschah, wurde dort den Opfern einer Schlacht der Superlative gedacht. Nie zuvor, und auch nicht danach, standen sich in Europa mehr Soldaten in einer offenen Feldschlacht direkt gegenüber. Nicht weniger als eine halbe Million Soldaten kämpften an diesen vier Tagen für ihre Herrscher um die Vormachtstellung in Europa.

Mindestens genauso national-militaristisch verbrämt war die Stimmung, die 1921 bei der Einweihung des anderen Reddelicher Gedenksteines herrschte, der heute vor dem Familien- und Freizeitzentrum steht. Die Opfer, derer dort gedacht wurde, starben gleichfalls in einem Krieg der Superlative. Anders als bei der Völkerschlacht sind die Opfer des Ersten Weltkrieges aus unserer Gemeinde heute namentlich bekannt.
Es ist schon eine sehr makabere Ironie der Geschichte, dass bereits wenige Jahre später, im Zweiten Weltkrieg, erneut "Rekorde" von zweifelhaftem Ruhm gebrochen wurden. Offensichtlich hatte das Aufstellen zahlreicher Mahnmale und Gedenksteine nicht die erhoffte Wirkung erzielt.

Es bleibt die Hoffnung, dass sich die Geschichte diesmal, wo Deutschland schon wieder Soldaten in zwielichtige Kriegsabenteuer schickt, nicht wiederholt!

Innehalten und ein wenig nachdenken! Das ist der bescheidene Anspruch dieser Aktion, mit der die Gedenksteine wieder etwas in das Bewusstsein der Bürger gerückt werden.
Der Kulturverein bedankt sich bei der Ostseesparkasse , die als Sponsor für die professionelle Restaurierung der Steininschriften und für die Kosten der kleinen Feierstunde gewonnen werden konnte.

Reddelich im Oktober 2013,
Ulf Lübs

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"In Stein gemeißelte Zeugnisse der Geschichte" überschrieb Reinhold Griese seinen Artikel in der Raducle 18:

In ganz Deutschland, in Städten und Dörfern, wurden zum 100. Jubiläum der Völkerschlacht Gedenksteine errichtet und Eichen gepflanzt. Das entsprach dem Denkmalskult zu dieser Zeit und diente der ideologischen Vorbereitung auf einen Krieg um die Weltherrschaft, der dann ab 1914 die Welt erschütterte.
Wie kam es nun zur Völkerschlacht? Hier ein kurzer historischer Abriss: In den Jahren von 1789 bis 1795 fand die französische bürgerliche Revolution statt. Sie führte unter der Losung "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" zur bürgerlichen Umwälzung nicht nur in Frankreich, sondern auch in Deutschland. Napoleon, ein Revolutionsgeneral, wurde 1799 Konsul und krönte sich 1804 zum Kaiser. Er wollte mit kriegerischen Mitteln Europa unter französischer Fremdherrschaft vereinigen.

1806 – 1815 Napoleonische Zeit und Befreiungskriege
Nach der Niederlage der Truppen Preußens in der Schlacht bei Jena und Auerstedt 1806 durch die Armeen Napoleons wurde auch Mecklenburg von französischen Truppen besetzt. Diese plünderten in zahlreichen Dörfern die Häuser, zerstörten sie und drangsalierten die Bevölkerung. Wie sich das in Reddelich und Brodhagen zugetragen hat, wissen wir nicht. Beide Dörfer erhielten jedoch 1839 eine Entschädigung für Erlittenes.
Im Zuge einer Kontinentalsperre wurde eine Blockade gegen England errichtet und jeder Handel mit England wurde verboten. Darunter litt vor allem der Getreideexport, was zu einer Agrarkrise führte. Es wurde darüber berichtet, dass die Bauern von Reddelich und Umgebung mit ihrem Vieh, vor allem mit den Pferden, in der Kühlung Zuflucht suchten, um sich dem Zugriff der Franzosen zu entziehen. 1812 mussten über 2100 Mecklenburger für Napoleon in den Krieg gegen Russland ziehen. Das überlebten nur etwa 68 Männer. Im August 1813 wurde ein französischer Truppenteil in einem Gefecht bei Retschow geschlagen. An den Kämpfen zur Befreiung von der napoleonischen Fremdherrschaft nahmen 12.000 Mecklenburger teil. Der Zusammenbruch der Armee Napoleons geschah auf deutschem Boden in der Völkerschlacht bei Leipzig. Sie dauerte vier Tage vom 16. bis zum 19. Oktober. Am 18. Oktober verkündeten die Heerführer den Sieg über Napoleon. An der Schlacht nahmen insgesamt 500.000 Soldaten teil. Auf der Seite der Alliierten kämpften 180.000 Russen, 150.000 Preußen mit Mecklenburgern, 130.000 Österreicher, 23.000 Schweden und 10.000 Engländer, die über Raketenwaffen verfügten (eine Erfindung aus Indien). Da zahlreiche Völker beteiligt waren, wurde die Schlacht Jahrzehnte später Völkerschlacht genannt. Als Mitglied des Rheinbundes kämpfte Sachsen aufseiten Napoleons. 3000 Sachsen liefen während der Kämpfe aus patriotischer Gesinnung zu den Alliierten über. Das gab Napoleon später als Ursache für seine Niederlage an. 100.000 Männer, Soldaten und Zivilisten starben in den Kämpfen durch Beschuss und Seuchen.

Das Völkerschlacht-denkmal und die russische Kirche
Es ist das größte Denkmal von Leipzig: 90 Meter hoch, 3000 Tonnen schwer, aus Zementstampfbeton mit einer Fassadenverkleidung aus Granitporphyr von dem Ort Beucha, der von den dort lagernden Franzosen ausgeplündert wurde. Die Bauarbeiten dauerten 14 Jahre von 1898 bis 1913. Die Baukosten wurden durch Spendenmittel vom Deutschen Patriotenbund und durch die Stadt Leipzig aufgebracht. Das Denkmal soll die Wehrhaftigkeit und die Opferbereitschaft symbolisieren. Es trägt an zentraler Stelle die Aufschrift "Gott mit uns". Diesen Wahlspruch gab der Hohenzollernherzog Friedrich, als er sich 1701 zum König in Preußen erhob, seiner neuen Dynastie. Der Spruch wurde auf die Armee seines Staates und später auf die des Deutschen Reiches übertragen. Mit ihm auf dem Koppelschloss zogen die deutschen Soldaten 1914 mit großer Begeisterung in den Ersten Weltkrieg.
Russland erbaute in Leipzig zur Erinnerung an seine gefallenen Soldaten eine Kirche. Sie hat eine schlanke Gestalt und eine goldene Kuppel. Weniger als ein Jahr nach den feierlichen Einweihungen von Denkmal und Kirche zogen beide Staaten gegeneinander in den Krieg, der die Völkerschlacht als größtes Massenschlachten der Geschichte ablösen sollte.

Der Erste Weltkrieg
Zur Vorbereitung auf den Ersten Weltkrieg wurden mehrere nationalistische Vereinigungen ins Leben gerufen, die eine expansive Politik vertraten. Ableger davon waren in Reddelich die Kameradschaft des Reichskriegerbundes Kyffhäuser e. V. von 1910 und die Ortsgruppe des Konservativen Vereins von Doberan mit den Vorstandsmitgliedern Oberleutnant von Besser, Schulze Uplegger und Erbpächter Frahm. Welche Verluste der Erste Weltkrieg für Reddelich und Brodhagen brachte, ist dokumentiert.

Reddelich, im Oktober 2013
Reinhold Griese

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Artikel aktualisiert am 15.03.2020