Gemeindevertretung, Gemeinderat und Bürgermeister nach 1945

Die ersten Nachkriegsbürgermeister wurden von der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland (SMAD) eingesetzt, bis 1946 die Demokratische Gemeindeordnung erlassen wurde. Diese entsprach im Wesentlichen den Gemeindeordnungen vor 1933.

SED-Kandidaten zur Gemeinderatswahl 1946 [07]

Dies führte in Reddelich dazu, dass Wilhelm Rowoldt (geb. 1891, gest. 1964), entgegen eines Befehls der Kommandantur, zum ersten Nachkriegsbürgermeister gewählt wurde, obwohl seine NSDAP-Mitgliedschaft bekannt war. Es gab aber auch Stimmen von Auswärts, die seine Ablösung forderten. Bei einer Wahl 1947 wurde er in Reddelich einstimmig zum Bürgermeister gewählt. Er nahm das Mandat aber nicht an. Wahrscheinlich, weil seine Entnazifizierung noch nicht abgeschlossen war. Den Unterlagen aus dieser Zeit lässt sich entnehmen, dass Wilhelm Rowoldt ein engagierter Bürgermeister war, der sich sehr für die Gemeinde eingesetzt hat und auch klare Worte an die übergeordneten Stellen fand. Bürgermeister Rowoldt verfasste während seiner Amtszeit regelmäßig Verwaltungsberichte. Offensichtlich tat er dies aus eigenem Antrieb. Er erkannte die Bedeutung solcher, ehrlichen Berichte für spätere Generationen zur Beurteilung damaliger Entscheidungen. Er bedauerte, dass ihm solche Aufzeichnungen aus früheren Zeiten nicht zur Verfügung standen und wollte es besser machen. Seine Weitsicht zahlt sich heute für uns aus. Seine Berichte sind wichtige Zeitzeugnisse für die Gemeindechronik.

Im Bericht von August 1946 prangert er mit klaren Worten den Umgang der Kreis- und Bezirksbehörden mit der Gemeindeleitung an. Den Begriff "Laufbursche" verwendete er zwar nicht, mit diesem ließe sich seine Kritik aber gut auf den Punkt bringen. Im Mai 1945 übernahm er das Bürgermeisteramt. In der Gemeindekasse befanden sich zu diesem Zeitpunkt 2,50 Reichsmark (RM). Auf dem Gemeindekonto lagen 11.000 RM, die aber "eingefroren" waren. Die Gemeinde hatte im Berichtszeitraum Ausgaben von 42.400 RM und Einnahmen von 45.300 RM. Rund 5.000 RM wurden »zur Unterstützung Hilfsbedürftiger und zur Bekämpfung ansteckender Krankheiten« ausgegeben. Dieses Geld kam vorwiegend den Umsiedlern, wie die Kriegsflüchtlinge damals offiziell genannt wurden, zugute. Interessant ist auch, dass die Gemeinde im Berichtszeitraum 2.000 RM Spenden erhalten hat.

Großes Augenmerk legte Wilhelm Rowoldt auf den präventiven Seuchenschutz. Reddelich übernahm dabei eine Vorreiterfunktion in der Region. So schrieb er: »Die Gemeinde stellte schon frühzeitig einen Desinfektor an und hatte immer Mittel zur Bekämpfung von Ungeziefer – insbesondere der gefährlichen Laus – und zur Desinfektion vorrätig.« Trotz aller Vorsicht gab es aber auch in Reddelich Todesfälle durch Typhus. Im November 1945 und im Juli 1946 wurden die Einwohner gegen Typhus geimpft.

Die Gemeinde spielte damals eine tragende Rolle bei der Organisation der Arbeit. Dem Bürgermeister oblag die Koordination der Transporte von Baumaterial, der Brennholzwerbung und der Beräumung der Gemeindeflur von Kriegsschrott. Dabei hatte er, nach eigenen Angaben, die Unterstützung vieler freiwilliger Helfer aus der Gemeinde.

In den ersten Nachkriegsjahren wurde die Gemeinde als Einheit mit einem Ablieferungssoll an landwirtschaftlichen Erzeugnissen beauflagt. Als ungerecht prangerte Bürgermeister Rowoldt an, dass Reddelicher Bauern zwar in den unmittelbaren Nachkriegswirren fast 10 Tonnen Schlachtvieh nach Doberan und Kröpelin geliefert hatten um die Fleischversorgung zu sichern. Dies wurde der Gemeinde bei der Bemessung des Ablieferungssolls nicht angerechnet.

Nachdem Bürgermeisters Wilhelm Rowoldt auf Beschluss der Entnazifizierungskommission des Kreises Bad Doberan, wegen seiner NSDAP-Mitgliedschaft, abgelöst wurde, wählte die Gemeindevertretung am 4. Februar 1947 Friedrich Wilhelm Wollenberg zum Bürgermeister. Albrecht Garbe wurde zum Stellvertreter und Karl Doese zum Schriftführer gewählt. Mitglieder der damaligen Gemeindevertretung waren weiterhin: Heinrich Köpcke, Hermann Bannow, Otto Schultz, Paul Hallier Heinrich Mamerow, Wilhelm Schönfeldt, Otto Kruth, Carl Dreyer, Wilhelm Westendorf und Otto Voss.

Bereits am 3. September legte Bürgermeister Wollenberg das Amt aus beruflichen Gründen nieder. Wilhelm Rowoldt wurde einstimmig wiedergewählt. Die Gemeindevertretung hat sich zwischenzeitlich aktiv um eine Entnazifizierung von Wilhelm Rowoldt bemüht. Diese waren offensichtlich erfolgreich.

Die Zeit des Sozialismus

Am 12. Juli 1950 fand die konstituierende Gemeindevertretersitzung zur Zusammenlegung von Reddelich und Bordhagen statt. Damit ist dieser Tag eine besondere Zeitmarke in der Geschichte der Gemeinde Reddelich. Zum Vorsitzenden der Gemeindevertretung wurde Paul Hallier und zum Stellvertreter Paul Reimer gewählt. Wilhelm Rowoldt wurde erneut zum Bürgermeister gewählt. Offensichtlich wurde er von der Entnazifizierungskommission zum Mitläufer eingestuft und damit wieder wählbar. In den Gemeinderat wurden ferner gewählt: Friedrich Dürre, Karl Dreyer sowie Karl Kochale als beratendes Mitglied.

In den 1950er Jahren war die Gemeinde zeitweise ohne hauptamtlichen Bürgermeister. Die Bürgermeister wurden nicht mehr gewählt. Gewählt wurden die Kandidaten der Nationalen Front (NF), ein Zusammenschluss aller Parteien und Massenorganisationen. Die NF legte fest, welche Partei die Bürgermeister zu stellen hatte. Nach diesem Proporz war es Aufgabe der CDU, den Bürgermeister in Reddelich zu besetzen. Offensichtlich hatte diese jedoch Probleme, geeignete Leute dafür zu finden. Nach diesem Prozedere kamen die Gemeindebürgermeister nur noch selten aus den Dörfern, denen sie vorstanden. So verlor auch Wilhelm Rowoldt sein Amt an die Kollegin Gertrud Gronstedt-Tomischat, die wiederum im Mai 1953 ihre Kündigung einreichte. Sie gab persönliche Gründe dafür an.

Laut Protokoll der Gemeindevertretersitzung war die Situation mit den Bürgermeistern in Reddelich prekär. Die CDU besetzte zwar immer wieder die Stelle, die meiste Zeit hatte Reddelich aber nur Stellvertretungen. Offensichtlich war der Bürgermeisterposten nicht sehr beliebt. Er arbeitete zwar Hauptamtlich, wurde aber schlecht bezahlt. Nicht selten erwarteten die Bürger und deren Vertretung kleine Wunder von ihm. Auch der Dienstherr, der Rat des Kreises mit seiner Verwaltung, übten permanent Druck aus. Zu allem Überfluss hatte die Politik großen Einfluss auf die Amtsführung und stellte quasi eine dritte Macht dar. Aber schon damals hatten Bürgermeister nur zwei Schultern.

Ein neuer Bürgermeister wurde von der CDU, nach dem Rücktritt von Frau Gronstedt-Tomischat nicht benannt, sodass eine nahtlose Übergabe nicht möglich war. Paul Sobe (geb. 1914) übernahm als Stellvertretender Ratsvorsitzender vorerst die Amtsgeschäfte.

Im August 1953 setzte der Gemeinderat ein Schreiben an die zuständige Stelle im Rat des Kreises auf. Darin wird energisch die Besetzung der Bürgermeisterstelle in Reddelich eingefordert. Die CDU erklärte sich außerstande einen Bürgermeister für Reddelich zu stellen. Die Kaderabteilung des Landkreises führte am 11. September 1953 den Kollegen Kugel als Bürgermeister ein. Bereits am 15. September wurde die Übergabe vollzogen. Er hatte aber keine lange Amtszeit in der Gemeinde. Schon am 25. Februar 1954 übergab er die Amtsgeschäfte an Wilhelm Paul (1919 – 2002).

Die Vertretung der Gemeinde setzte sich Mitte 1954 wie folgt zusammen:

  • Frietjoff Fensch (geb. 1922), Lehrer, SED;
  • Friedrich Lauber (geb. 1895), Rentner, LPG-Mitglied, SED;

bildeten den Gemeinderat,

  • Heinrich Mamerow (geb. 1906), Bahnangestellter, SED, als Vorsitzender;
  • Erna Kubsch (geb. 1903), HO-Angestellte, DFD;
  • Hans Reincke (geb. 1901), werktätiger Bauer, parteilos;
  • Herbert Brockmöller (geb. 1931), Konsum-Angestellter, parteilos;
  • Ewald Ammon sen. (geb. 1902), LPG-Mitglied, CDU;
  • Walter Böttcher (geb. 1917), Arbeiter (BHG), parteilos;
  • Friedrich Dürre (geb. 1893), LPG-Mitglied, SED;
  • Hans Wendt (geb. 1923), Angestellter, CDU;
  • Gustav Nehrenheim, (geb. 1908), Landarbeiter, SED und
  • Walter Kruse, (geb. 1901), Konsum-Angestellter, SED

fungierten als Gemeindevertretung.
1954 starb der Gemeindevertreter Kursawe (CDU), für ihn rückte Herbert Wollenberg in die GV nach. Das Mandat für Hans Wendt übernahm Emma Wietzorreck und Herbert Brockmöller folgte Werner Basedow (FDJ).

Ob der Ministerrat wirklich die Anweisung zu einer Eilsitzung der Reddelicher Gemeindevertretung, in der es um landwirtschaftliche Betriebsabläufe ging, sei mal dahingestellt.


Ab Mitte der 1950er Jahre wurden in den GV verstärkt Kommissionen gebildet. Für Reddelich sei als Beispiel das Jahr 1956 genannt. Beschlossen wurden Kommissionen für:

  • die Kommission Haushalt, die Gemeindevertreter Hans Zemke als Vorsitzenden und Herbert Wollenberg. Als Ratsmitglied verantwortlich Koll. Paul.
  • die Kommission Landwirtschaft, die Gemeindevertreter Ewald Ammon als Vorsitzenden und Hans Reinke. Als Ratsmitglied verantwortlich Koll. Reimer.
  • die Kommission Wohnung und Sozialwesen, die Gemeindevertreter Heinrich Marnerow als Vorsitzenden, Friedrich Dürre und Emma Wietzorreck. Als Ratsmitglied verantwortlich Koll. Paul.
  • die Kommission Volksbildung und Jugendfragen, die Gemeindevertreter Walter Kruse als Vorsitzenden und Werner Basedow. Als Ratsmitglied verantwortlich Koll. Fensch.
  • die Kommission Gesundheitswesen, die Gemeindevertreter Erich Völker als Vorsitzenden und Gustav Nehrenheim. Verantwortlich als Ratsmitglied Koll. Fensch.

Mit der Entwicklung des Demokratischen Zentralismus wurde die Selbstverwaltung der Kommunen immer mehr beschnitten. Zementiert wurde diese Ordnung 1957 mit dem "Gesetz über die örtlichen Organe der Staatsmacht". Gewählt wurden Gemeindevertretungen als Entscheidungsgremium. Die Mitglieder wurden jedoch nicht als Personen gewählt, sondern als Listenkandidaten des Wahlbündnisses aus allen Parteien und Massenorganisationen, der Nationalen Front. Die Gemeindevertretungen wiederum wählten aus ihrer Mitte Gemeinderäte für die operative Arbeit in der Gemeindeverwaltung. Die Bürgermeister waren Vorsitzende der Gemeinderäte und wurden von den Räten der Kreise eingesetzt, wobei die Gemeindevertretungen die Einsetzungen formal bestätigen mussten. Die Gemeinderäte bildeten die Gemeindeverwaltung und hatten auf der einen Seite die Beschlüsse der Gemeindevertretungen umzusetzen, waren aber, auf der anderen Seite, den Räten der Kreise weisungsgebunden.

Ab der zweiten Hälfte der 1950er Jahre zog Routine in die Arbeit der Gemeindeleitung ein. Es wurde ruhiger in der Kommunalpolitik. Operative Angelegenheiten wurden zunehmend durch den Gemeinderat entschieden. Die Sitzungspausen der Gemeindevertretung wurden länger. Eilsitzungen wurden keine mehr anberaumt.

1957 fand eine Wahl der Gemeindevertretungen statt. Am 5. Juli konstituierte sich die neue Gemeindevertretung. Auf dieser Sitzung waren auch 14 Einwohner der Gemeinde als Gäste anwesend. Gewählt waren: Heinrich Mamerow (SED), Jürgen Roggelin (Konsum), Paul Reimer (VdgB), Walter Kruse (Konsum), Werner Basedow (FDJ), Fritjof Fensch (SED), Hildegard Frank (SED), Jürgen Reimer (SED), Peter Winkels SED, Ewald Ammon (CDU), Wilhelm Paul (CDU), Friedrich Peters (CDU), Paul Steffen (FDGB), Herbert Wollenberg (CDU), Otto Houtkooper (DBD), Johann Heinrich (DBD), Johanna Kaiser (DFD) sowie Lotte Kargermann (DBD).

1961 wurde Kollege Schröder zum Bürgermeister berufen. Eine lange Amtszeit war auch ihm nicht beschert. Im September 1962 wurde er bereits wieder abberufen. Über die Gründe dafür ist nichts bekannt.

Am 29. Oktober 1962 wurde Fritz Gratopp durch die Gemeindevertretung als Bürgermeister bestätigt. Er war vorher Stellvertreter des Bürgermeisters von Rerik. An Inventar übernahm er:

Liste einfügen

Im Mai 1976 begab sich die Gemeindevertretung auf eine Exkursionsfahrt durch die Kreise Rostock-Land und Ribnitz-Damgarten. Ziel war die Verschaffung eines Überblicks, welchen Stand andere Kommunen im Wettbewerb "Schöner unsere Städte und Gemeinden" erreicht haben. Auch Inspirationen für die Gemeinde Reddelich waren willkommen. Essenz der Reise war, dass Reddelich garnicht so schlecht dastand und andere auch nur mit Wasser kochen.


[Wettbewerbsprogramm NF 1976 hier einfügen]

1977 wurden in der Gemeinde 13 kinderreiche Familien registriert, die von der Gemeinde aktiv unterstützt wurden. Als Kinderreich galten in der DDR Familien mit vier oder mehr Kindern sowie alleinerziehende Mütter mit drei Kindern. Für besonders problembehafteten Familien übernahmen Gemeindevertreter persönliche Patenschaften zur Unterstützung. Bei der Zuweisung von Wohnraum wurden Kinderreiche bevorzugt.

Mit Wirkung zum 31. März 1978 wurde Fritz Gratopp vom Bürgermeisteramt abberufen. Er hatte das Rentenalter erreicht und seine Gesundheit ließ die Ausübung des Amtes darüber hinaus nicht zu. Die CDU konnte nicht gleich Ersatz stellen. Der erste Stellvertreter, Karl Reincke übernahm das Bürgermeisteramt kommissarisch.

Am 7. September 1978 wurde Norbert Templin als Bürgermeister durch die Gemeindevertretung bestätigt.

Am 20. Mai 1979 gab es wieder eine Kommunalwahl. Diese lief ohne Überraschungen ab. Die 23 Kandidaten und 7 Nachfolger der Nationalen Front wurden mit überwältigender Mehrheit gewählt. Die Wahlbeteiligung lag bei 97,97 Prozent. Gewählt haben 387 Bürger. Ungültige Stimmen gab es keine. In den Gemeinderat wurden auf der konstituierenden Sitzung der Gemeindevertretung gewählt: Norbert Templin (Bürgermeister und Vorsitzender), Rudolf Nippert (Erster Stellvertreter), Odo Sitte (Zweiter Stellvertreter), Gabriele Präkel, Hildegard Jenß, Erhard Rünger und Jürgen Reimer.

Nach zweijähriger Amtszeit wurde Norbert Templin am 1. September 1980 von Rüdiger Thiergart als Bürgermeister abgelöst. Dieser häufige Wechsel der Bürgermeister blieb nicht ohne Folgen für die Qualität der Verwaltung. Ein Kontrollbericht der Rat des Kreises vom 11. Dezember 1980 stellte ein vernichtendes Urteil aus. Dem daraus erwachsenden Druck hielt auch Bürgermeister Templin nicht statt. Hinzu kam, dass die Gemeinde ihm und seiner Familie keine angemessene Wohnung nachweisen konnte. So wurde er bereits im Februar 1981 abberufen und übergab das Amt an Siegfried Marquardt.

Eine erneute Verwaltungskontrolle durch den Rat des Kreises im Februar 1982 fiel auch nicht besser aus als im Dezember 1980:


Im Mai 1984 gab es eine Kommunalwahl. Bezeichnend ist, dass die Gemeindevertretung beschloss, die Zahl der Vertreter auf 30 zu erhöhen. Es galt die Devise, "viel hilft viel". Die Ironie, die den Sinn dieses Spruches ins Gegenteil verkehrte, wurde schon nicht mehr wahrgenommen. Vielleicht war dies auch der Grund, dass für die Gemeindevertreter Dienstausweise herausgegeben wurden.

Mit der Kommunalwahl im Mai 1989 wurde Joachim Morawietz Bürgermeister der Gemeinde Reddelich.

Was aus heutiger Sicht etwas skurril erscheint, ist das Verhältnis der Gemeindevertretung zur Landwirtschaft. Feldbestellung, Ernte und die Produktion tierischer Erzeugnisse wurden bis zum Anschluss an die BRD als gesamtgesellschaftliche Aufgabe betrachtet. Vertreter der LPG-en berichteten regelmäßig über den Stand der Planerfüllung. Die Gemeindevertreter nickten – mal mehr, mal weniger – wissend, kritisierten schimpfend oder gaben kluge Ratschläge. Einen direkten Einfluss auf die Betriebsführung hatten sie bereits in den 1980er Jahren keinen mehr,und auch keine Sanktionsmöglichkeiten . Im Gegenteil, die LPG-en waren meistens der größte Wirtschaftsfaktor in den Landgemeinden, ohne die kaum Projekte umsetzbar waren. Nicht selten war der Vorsitzende der örtlichen LPG die Graue Eminenz, der im Hintergrund die Fäden zog. Die Rituale waren ein Überbleibsel aus der Gründungszeit der Gemeinden. Die Obrigkeit verhandelte damals nicht mit einzelnen Bauern oder Büdnern, sondern in der Regel mit der Dorfschaft im Ganzen. Vertreten wurde die Dorfschaft durch gewählte Vertreter, die aber nur gemeinsam für die Gemeinde sprechen konnten, daher der Name Gemeindevertretung. Dieses Prinzip der gemeinsamen Haftung wurde durch die Militäradministration nach 1945 wieder aufgegriffen. Spätestens mit Gründung der LPG-en waren diese für die Erfüllung der Produktionspläne selbst zuständig.

Artikel aktualisiert am 26.02.2020